Eine Zusammenstellung der Porträts aus dem Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft und dem Auricher Schloss
mit weiteren Bildern und den Texten aus dem biographischen Lexikon für Ostfriesland
Dem Häuptling Ulrich Cirksena gelingt es 1464, von Kaiser Friedrich III. zum Grafen in Ostfriesland erhoben zu werden. Nach seinem Tod kurze Zeit später können seine Witwe Theda und sein Sohn Enno I. die Herrschaft sichern. Unter dem zweiten Sohn Edzard I. erreicht Ostfriesland kurzfristig seine größte Ausdehnung – von Groningen bis an die Weser.
Ulrich I. (1464-1466)Theda (1466-um 1480)Enno I. (um 1480-1491)Edzard I. (1491-1528)
Unter Enno II. geht Ostfriesland zum Protestantismus über. Seine Witwe Anna versucht, die beginnenden konfessionellen Gegensätze zu überbrücken. Der älteste Sohn Edzard II. schließt sich der lutherischen Lehre an, während Teile des Landes unter Führung seines Bruders Johann und der Stadt Emden der reformierten Konfession folgen. Unter Edzards Sohn Enno III. erreicht der Konflikt zwischen dem Grafenhaus und den von Emden geführten Ständen Ostfrieslands seinen Höhepunkt.
Enno II. (1528-1540)Anna (1540-1561)Edzard II. (1561-1599)Enno III. (1599-1625)
Im Dreißigjährigen Krieg wird Ostfriesland von verschiedenen Armeen heimgesucht, was weder der früh verstorbene Rudolf Christian noch nach ihm sein Bruder Ulrich II. verhindern können. Juliane, die Witwe Ulrichs, regiert nur kurz vormundschaftlich. Ihre Söhne Enno Ludwig und darauf Georg Christian erlangen den zunächst persönlichen, dann erblichen Reichsfürstenstand.
Rudolf Christian (1625-1628)Ulrich II. (1628-1648)Juliane (1648-1651)Enno Ludwig (1651-1660)Georg Christian (1660-1665)
Als Regentin für ihren unmündigen Sohn gerät Christine Charlotte mit dem Versuch, absolutistische Herrschaftsvorstellungen auch in Ostfriesland umzusetzen, in scharfen Gegensatz zu den Ständen. Ihr pietistischer Sohn Christian Eberhard fährt einen versöhnlicheren Kurs. In der Generation darauf gerät das Land unter Georg Albrecht durch die verheerende Weihnachtsflut und erneuten Streit zwischen Regierung und Ständen wieder in unruhigeres Fahrwasser. Mit dessen Sohn Carl Edzard, der 1744 kinderlos stirbt, enden 280 Jahre Herrschaft der Cirksena über Ostfriesland.
Christine Charlotte (1665-1690)Christian Eberhard (1690-1708)Georg Albrecht (1708-1734)Carl Edzard (1734-1744)
Über die vier Regentinnen hinaus ist auch das Porträt der Königstochter Katharina Wasa, Gräfin als Ehefrau Edzards II., in die beiden Porträtgalerien in der Ostfriesischen Landschaft und im Auricher Schloss aufgenommen worden. Von weiteren ostfriesischen Gräfinnen und Fürstinnen, die nicht die Herrschaft ausübten, sind andernorts ebenfalls Porträts überliefert.
Nach den Cirksena herrschen seit 1744 die preußischen Hohenzollern, 1807-1813 Louis und Napoléon Bonaparte sowie ab 1815 die hannoverschen Welfen über Ostfriesland. 1866 wird das Land endgültig ein Teil Preußens und kurz darauf des Deutschen Reiches.
Die Frauen der Cirksena (Katharina Wasa – Gräfin als Ehefrau Edzards II.)Hohenzollern und Bonaparte – Nachfolger 1744-1815 (Friedrich II. – 1744-1786)Die Welfen – Nachfolger 1815-1866 (Georg III. – 1815-1820)
Anhang (Frauen und Nachfolger) im Überblick
Gegenüberstellung der Porträts der beiden Gemäldegalerien
Weitere Porträts
Hofmann, Friedrich H.: Ostfriesische Fürstenbilder aus der letzten Fürstenzeit, in:
Jahrbuch der Gesellschaft für Bildende Kunst und Vaterländische Altertümer zu Emden („Emder Jahrbuch“), 23. Band (1932), Seite 45-102 und Tafel 1-18
Ulrich entstammte der Häuptlingsfamilie von Greetsiel. Sein Vater Enno hatte das angefallene Erbe der Norder Attena bekommen und war damit Häuptling zu Norden geworden.
Theda war die Erbin und Enkelin des Häuptlings Focko Ukena und brachte dessen Besitz in die Ehe mit Ulrich Cirksena ein. Ihre Stunde schlug, als dieser unvermutet am 27. September 1466 starb und sie mit sechs unmündigen Kindern allein ließ.
Der älteste Sohn des Grafen Ulrich I. von Ostfriesland übernahm in den Jahren nach 1480 mehr und mehr Regierungsaufgaben von seiner Mutter, der Gräfin Theda. Eine förmliche Regierungsübernahme fand nicht statt.
Enno leidet in der Beurteilung bis heute darunter, daß er der Person des Grafen Edzard I. als Sohn und Nachfolger nicht gleichkam. War es Unfähigkeit oder Schicksal? Alles deutet darauf hin, daß diese Frage mit dem ersten Wort beantwortet werden muß.
Neben den bekannten Cirksena-Grafen Edzard I. und Enno II. gehört die Gräfin Anna von Ostfriesland als Vormundschaftsregentin in die Reihe der Herrscherinnen, deren Regentschaft als eher unspektakulär zu bezeichnen ist.
In allen Überlieferungen bleibt das Bild des Grafen Edzard merkwürdig schattenhaft: Er ist nicht gerade eine Unperson, aber es ist nichts Eigenes von ihm bekannt.
Der älteste Sohn des Grafen Edzard II., ein leiblicher Vetter des Königs Gustaf II. Adolf von Schweden, soll nach allgemeiner Aussage heiteren Gemütes gewesen sein, dem die Gabe zugefallen war, mit Menschen aller Schichten sprechen zu können.
Den Jungverstorbenen gilt die Sympathie der Geschichte, zumal wenn sie vor ihren ersten Fehlern verschieden sind. Rudolf Christian hatte bei dem Antritt der Regierung für sich seine Jugend und die augenblickliche Freiheit Ostfrieslands von Besetzung.
Völlig unvorbereitet – die übliche Kavalierstour durch Frankreich und England hatte keine Spuren hinterlassen – mußte der 23jährige Ulrich die Herrschaft in Ostfriesland antreten, nachdem sein Bruder Graf Rudolf Christian unerwartet gestorben war.
Als im Dreißigjährigen Krieg der Graf von Ostfriesland kurze Zeit Herr seiner selbst war, heiratete Ulrich II. im März 1631 die Landgräfin Juliane von Hessen aus der Darmstädter Linie. Damit griffen die Cirksena zum ersten Mal mit ihren Heiratsbeziehungen nach Süddeutschland aus.
Der Erstgeborene des Grafen Ulrich II. von Ostfriesland wuchs in den Nöten des Dreißigjährigen Krieges auf. Frühzeitig sorgten die Eltern dafür, ihn daraus zu entfernen und in die sicheren Niederlande zu schicken, die damals das kulturelle Zentrum Europas waren.
Georg Christian, zweiter Sohn von Graf Ulrich II. und Juliane, Landgräfin von Hessen, wuchs in enger Gemeinschaft mit seinem jüngeren Bruder Edzard Ferdinand am Hof in Aurich auf. Gemeinsam mit ihm erhielt er auch ab 1649 seine Erziehung an den Akademien von Breda und Tübingen.
Die Persönlichkeit wie auch die politische Leistung der Fürstin Christine Charlotte wurden in der bisherigen ostfriesischen Geschichtsschreibung fast ausnahmslos negativ beurteilt.
„Das Sonnenkind des Hauses Cirksena“ (Reimers) war ein gutmütiger Bursche von stattlichem Aussehen. Er war ein Mann, der lieber nachgab als zu streiten, ostfriesisch sparsam aber nicht dickköpfig.
Nach Jahren heftiger Streitigkeiten zwischen der Stadt Emden und den ostfriesischen Landständen einerseits und dem Fürsten Georg Christian bzw. seiner Witwe Christine Charlotte, geb. Herzogin von Württemberg andererseits brachte der Regierungsantritt des Fürsten Christian Eberhard einen lang ersehnten Frieden. Dieser Friede stand jedoch auf unsicheren Füßen.
Dem letzten Fürsten von Ostfriesland aus dem Hause Cirksena – sozusagen als sein Charakteristikum – allein geistige Unbeweglichkeit, ja eine gewisse Infantilität und genetische Defizite als Folge eines mehrfachen Ahnenschwundes zu attestieren, damit auch seinen frühen und rätselhaften Tod zu erklären, vielleicht gar zu rechtfertigen, hieße sicher, einer überaus tragischen Figur nicht gerecht zu werden.
Von den 17 regierenden Cirksena in Ostfriesland waren immerhin 4 weiblich, obwohl Frauen wegen des rein männlichen Erbrechts die Regentschaft nur ausnahmsweise für ihre minderjährigen Söhne ausüben konnten.
Die Landschaftsbibliothek in Aurich verfügt in ihrer Manuskripte-Sammlung über ein mehrbändiges Werk von sehr heterogenem Charakter. Es handelt sich um das „Sammelwerk Ostfriesland“ von Hermann Eggen aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre.
Ausschnitt aus der Ostfriesischen Tageszeitung vom 28. Februar 1940 (Landschaftsbibliothek Aurich)
Bereits ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden in England Überlegungen zur psychologischen Kriegsführung angestellt. Im Auftrag des britischen Außenministeriums entstand eine geheime Propagandaabteilung mit dem Decknamen „Electra House“. Bis Dezember 1941 entwarf, druckte und verbreitete „Electra House“ die offiziellen Flugblätter der britischen Regierung. Ab Januar 1942 erstellte eine Nachfolgeorganisation, die „Political Warfare Executive“ (PWE), die regierungsamtlichen Flugblätter für den Abwurf über Deutschland und die von der deutschen Wehrmacht annektierten europäischen Länder. Die PWE steuerte, organisierte und überwachte bis zum Ende des Krieges in Europa die gesamte psychologische Kriegsführung Englands gegen das feindliche Ausland.
Die britische Regierung ließ – zusätzlich zu ihren amtlichen „weißen“ Flugblättern, die ihren Urheber ausdrücklich nennen oder ihn schon beim flüchtigen Hinsehen erkennen lassen – auch „schwarze“ und „graue“ Propagandazettel verbreiten, über deren Herkunft der Finder sich nicht sofort im Klaren sein konnte.
Einem britischen Bericht zufolge wurden im Winter 1939 monatlich drei bis vier deutschsprachige Flugblätter hergestellt, im Jahre 1943 waren es schon 50 bis 60 in zehn oder mehr Sprachen. Von 1939 bis 1943 wurden von England aus rund 512 Millionen Flugblätter über Deutschland abgeworfen.
Deutschland nach dem Krieg. Das von einem Ballon abgeworfene englische Flugblatt vom Juni 1943 lässt das für die Aufhängung eingestanzte Loch erkennen.
Da ihnen die Überwindung der Reichsgrenzen auf dem Landweg zunächst nicht möglich war, blieb den Briten nichts anderes übrig, als in den deutschen Luftraum einzudringen und, wenn sie die deutsche Bevölkerung erreichen wollten, ihre Propagandazettel aus Flugzeugen oder von Ballonen abwerfen zu lassen.
Diese Form der Verbreitung führte zu einer gleichmäßigen Streuung der Flugblätter; Fachleute schätzen, dass im Zweiten Weltkrieg 95 % aller Flugblätter aus Flugzeugen abgeworfen wurden, und zwar aus den Kampfflugzeugen (Bombern) der Royal Air Force.
Neben Flugzeugen verwendeten die Briten bis zum Ende des Krieges auch freifliegende, unbemannte Ballone für den Flugblattabwurf. Die Größe der britischen Ballone reichte vom gewöhnlichen Spielzeugballon bis zu Fluggeräten von vier bis fünf Meter im Durchmesser. Da diese unbewaffnet waren und ohne Besatzung auskamen, konnte bei einem Balloneinsatz kaum jemand zu Schaden kommen. Zudem kostete ein Ballonflug nur einen Bruchteil der Summe, die für den Einsatz von Kampfflugzeugen aufzubringen war.
Gegen die Verbreitung der Flugblätter von freischwebenden Ballonen aus standen dem deutschen Militär kaum wirkungsvolle Abwehrmöglichkeiten zur Verfügung. Allerdings war der Balloneinsatz von Wind- und Wetterverhältnissen abhängig, und ein Zielgebiet konnte nicht so „genau“ erreicht werden, wie das von einem Flugzeug aus möglich war.
In den Tagesmeldungen der Gestapo Wilhelmshaven wird die Anzahl der in Ostfriesland und Oldenburg gefundenen englischen Flugblätter nur selten angegeben. Nur ausnahmsweise ist dort vermerkt, dass beispielsweise in der Nacht vom 20. auf den 21. November 1941 bei Rodenkirchen „etwa 300 Flugblätter aus feindlichen Flugzeugen abgeworfen“ worden waren oder im Februar 1942 aus dem Landkreis Norden nur drei Flugblätter gemeldet wurden. Gewöhnlich ist in den knappen Tagesmeldungen lediglich von „einigen“, „mehreren“, von einer „geringen“ oder „kleinen“ Anzahl abgeworfener bzw. aufgefundener Flugblätter oder einer „größeren“, „großen“ bis „erheblichen“ Menge feindlicher Propagandablätter die Rede.
Wie bei der Preisgabe der Abwurfzahlen, so hielten sich die Gestapobeamten in Wilhelmshaven auch bei der Beschreibung der Fundorte sehr zurück. Anfangs nannten sie in ihren Tagesmeldungen zwar oft die Namen der Gemeinden, auf deren Gemarkung die Flugblätter mehr oder weniger zufällig niedergegangen waren. Später gaben sie meist nur noch die Landkreise innerhalb ihres Bereiches an, zuletzt oft nur den Zuständigkeitsbereich der Staatspolizeistelle Wilhelmshaven als „Fundort“ an.
In den Tagesmeldungen der Jahre 1940 bis 1943 werden aus Ostfriesland (mit den Kreisen Aurich, Leer, Norden, Wittmund und dem Stadtkreis Emden) folgende Orte als Fundstellen für feindliche Propagandamittel genannt: Burhafe, Deternerlehe, Esens, Fiebing, Filsum, Hagermarsch, Ihrhove, Langeoog, Mullberg, Neermoor, Norden, Westrhauderfehn, Wiesmoor, Woquard, Zwischenbergen.
Bis zu seiner Zerstörung bei einem Bombenangriff im Oktober 1944 war die Gestapo im Arbeitsamt (links), Am Rathausplatz 4, Wilhelmshaven untergebracht.
Anordnung des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei über die Behandlung aufgefundener Ballone, 1940
Da es weder der Wehrmacht noch der Polizei möglich war, den Abwurf feindlicher Flugblätter über dem deutschen Hoheitsgebiet zu verhindern, blieb dem NS-Regime nichts anderes übrig, als die niedergegangenen Propagandablätter möglichst frühzeitig vollständig zu erfassen und zu vernichten, um die deutschen Volksgenossen daran zu hindern, diese Feindbotschaften zur Kenntnis zu nehmen und sie weiterzugeben.
Wer im Verdacht stand, feindliche Flugblätter gelesen und an andere weitergegeben zu haben, musste damit rechnen, von der Gestapo verhaftet und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt zu werden.
Nach einer Verfügung vom 12. Januar 1940 war fortan allein die Geheime Staatspolizei verantwortlich für die restlose Erfassung und Vernichtung der Feindflugblätter. Alle aufgefundenen Exemplare mussten unverzüglich bei der örtlich zuständigen Polizeibehörde abgegeben werden, die verpflichtet war, die örtlich zuständigen Hoheitsträger der Partei zu unterrichten.
Beim Auftauchen von Feindflugblättern sollte umgehend eine unter der Leitung der Ortspolizeibehörde stehende Suchaktion durchgeführt werden. Niedergegangene Ballone, Fallschirme und sonstigen Vorrichtungen zur Verbreitung von Feindflugblättern waren ebenfalls von der Ortspolizei sicherzustellen und der Gestapo Wilhelmshaven zu melden.
Eine Zusammenstellung der Porträts aus dem Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft und dem Auricher Schloss mit weiteren Bildern und den Texten aus dem biographischen Lexikon für Ostfriesland
Die Landschaftsbibliothek in Aurich verfügt in ihrer Manuskripte-Sammlung über ein mehrbändiges Werk von sehr heterogenem Charakter. Es handelt sich um das „Sammelwerk Ostfriesland“ von Hermann Eggen aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre.
Die Landschaftsbibliothek in Aurich verfügt in ihrer Manuskripte-Sammlung über ein mehrbändiges Werk von sehr heterogenem Charakter. Es handelt sich um das „Sammelwerk Ostfriesland“ von Hermann Eggen aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre.
Der Autor, geboren 1875 in Aurich und gestorben 1944 auf Norderney, war seit 1899 Lehrer auf der Insel und betrieb hier zusammen mit seiner Frau seit 1909 auch eine Pension. Wenige Monate nach dem Machtwechsel 1933 entstand im Zuge der Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums eine Diskussion um die Linientreue von vier Lehrern auf Norderney. Regierungspräsident Refardt sah schließlich aber nur Hermann Eggen als belastet an. Von ihm sei „ortsbekannt“, dass „er bisher im demokratisch-pazifistischen Fahrwasser segelte“. Daran ändere auch eine mit „grossem Aufwand von unnatürlichem Pathos“ verfasste, an die neue Regierung gerichtete Ergebenheitserklärung nichts, „die als begeisterte Verherrlichung der nationalen Bewegung aus dem Munde dieses bisher begeisterten Verehrers der Systemherrschaft den üblen Eindruck der Unaufrichtigkeit, politischen Unzuverlässigkeit und eigennützigen Zweckabstimmung erwecken musste.“ Eggen wurde u. a. vorgeworfen, die schwarz-weiß-rote Flagge, die gerade erst wieder zur Reichsflagge erhoben worden war, als „Mörderfahne“ bezeichnet zu haben. „Es wäre weiten Kreisen der gerecht denkenden Bevölkerung unfassbar, wollte man dem kühnen Schwenkungsmanöver des Eggen ernsthaften Wert beimessen.“ Dementsprechend kam der N.S.-Personalausschuss Mitte August zu dem Schluss, dass man Eggen einen anderen Dienstort zuweisen solle. Dieser hatte aber schon eine Woche zuvor um seine vorzeitige Pensionierung nachgesucht und ein ärztliches Attest vorgelegt. Als Grund führte er neben einem körperlichen Leiden auch an, dass seine Gesundheit „durch aufregende Vorfälle, welche der Regierung bekannt sein dürften,“ in diesen Wochen sehr gelitten habe.
Drei Jahre später, im Sommer 1936, nimmt Eggen die Arbeit an seinem „Sammelwerk Ostfriesland“ auf, eine umfangreiche Collage zusammengestellt in 11 Mappen. Ergänzend dazu liegen in etwa 20 Ordnern noch weitere Zeitungsausschnitte und nach Themen geordnetes Material für den Zeitraum bis 1943 vor. Die Arbeit war also noch nicht abgeschlossen. Eggen hatte den Anspruch, „heel Ostfreesland“ mit allen Regionen abzubilden, sowohl die typische friesische Landschaft in ihrem „Werden und Wesen“ als auch den typischen Friesen mit seinem „Wesen und seiner Geschichte“. Der erste Band enthält kein Vorwort, keine Einführung. Aber zum Auftakt findet sich im Innendeckel das Gedicht von Harbert Harberts „Die friesische Heimat“ mit dem darin hervorgehobenen Spruch „Lever dood as Slav!“.
Nachdem im ersten Heft ein buntes Kaleidoskop von ostfriesischen Themen abgebildet ist, folgen in den nächsten Jahren bis mindestens 1938 zehn weitere, stärker thematisch geordnete Bände. Das Themenkonzept der Reihe entwickelte sich wohl erst mit ihrer Entstehung und wird nicht strikt durchgehalten, es kommt zu Überschneidungen und Wiederholungen. Die Themen sind breit gewählt: Bodengestaltung, Pflanzenwelt, Biographien von verdienten ostfriesischen Persönlichkeiten, die Inseln, Städte und die sie umgebenden Regionen, aber auch Landwirtschaft, Tierzucht, Schifffahrt, Fischerei, Handel und Wirtschaft, Plattdeutsch, Dichtung, Kunst und Heimatpflege werden thematisiert. Die letzten beiden Bände widmen sich dem Schwerpunkt der Landes- und „Heimat“-Geschichte.
Das Material besteht aus vielen ausgeschnittenen Abbildungen aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern mit und ohne Bildunterschriften. Ausgeschlachtet werden neben den monographischen Veröffentlichungen von Dodo Wildvang sowie weiteren einschlägigen Autoren insbesondere ein Bildband zu Ostfriesland von Hinrich Santjer aus dem Jahr 1932 und der Ostfreeslandkalender – insbesondere der Jubiläumskalender 1938. Um „Platz zu sparen“ sind die Quellen für die Ausschnitte häufig weggelassen worden: „Hoffentlich werden die Verfasser so mancher prächtiger Heimatbücher mir nicht verübeln, wenn ich ihre Werke mit der Schere zerschnitten habe, um Teile derselben an solchen Stellen meiner Sammlung zu verwerten, wo sie unbedingt erforderlich waren.
Verwendung fanden neben den Zeitungsartikeln auch ostfriesische Bild-Postkarten, private Fotos und häufiger auch aus kleinen Broschüren ausgeschnittene und neu zusammengesetzte Textteile oder ganze Artikel. Ergänzt wird dieses Material durch einige handschriftliche Zeugnisse, Feldpostkarten des Ersten Weltkriegs, Briefe und Anschreiben. Dabei ist eine insgesamt sehr bilderlastige Mischung aus historischer Sachinformation, Objektfotografie und Fotoimpressionen einerseits sowie andererseits aus Gedichten, fiktionalen Texten, Holzschnitten, Scherenschnitten, Radierungen etc. entstanden. Alles wirkt insgesamt sehr „heimattümlich“ und gibt einen subjektiven Ausdruck des „Zeitgeistes“ vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Ostfriesland wieder.
Das Material ist in selbst erstellte Mappen eingeklebt worden, die etwa das DIN-A4-Format haben und mit einfacher Fadenheftung mit unterschiedlicher Seitenzahl gebunden sind. Der Einband besteht aus dunkelgrauem, leicht marmoriertem festem Papier, die Seiten innen sind aus braunem Papier, wie man es auch für ein Fotoalbum erwarten könnte. Die Deckel der Mappen sind dem jeweiligen Thema entsprechend unterschiedlich gestaltet.
Hermann Eggen verzichtet bei der Zusammenstellung seiner Bilder- und Artikelausschnitte weitgehend auf eine eigene Beschriftung und Kommentierung. Er lässt das Material für sich sprechen, wohl auch um einen zu „privaten“ oder beiläufigen Charakter zu vermeiden. Denn im Grunde möchte der ehemalige Lehrer mit seinem „Sammelwerk“ eine allgemeingültige „Heimatkunde“ etwas anderer Art präsentieren, die sich ausdrücklich auch an mögliche Leser richtet. Am Ende seines ersten Hefts findet sich ein eigentlich für andere Zwecke verfasstes Geleitwort von Schulrat Schader, das Eggen explizit für sich in Anspruch nimmt. Rot unterstrichen ist darin ein Zitat von Eduard Spranger: „Atmen wir mit Bewußtsein den Duft dieser Scholle! […] Der Weg zum Menschentum führt nur über das Volkstum und das Heimatgefühl.“ Heimat wird hier als „geistiges Wurzelgefühl“ beschrieben, als „erlebte und erlebbare Totalverbundenheit mit dem Boden“ und „Quelle reinen Glückes“. Eggen eignet sich einen Ostfriesland romantisch überhöhenden und zugleich von der Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten gefärbten Heimatbegriff an, der dem Betrachter und Leser auf jeder Seite der Alben entgegentritt. Durchsetzt ist diese Melange von einigen Hitlerzitaten und ergänzt wird sie durch eine Art von positivistischer Leistungsschau der Nazi-Herrschaft seit 1933. Der letzte Band stellt Adolf Hitler als Endpunkt einer historischen Reihe vor, die von Friedrich II. über Bismarck und Hindenburg reicht. Die Mappe endet mit einem Zeitungsausschnitt mit dem ganzseitigen Porträt des Führers und der Bildunterschrift „Adolf Hitler ist Deutschland, und Deutschland ist Adolf Hitler“. Die Demontage des Rechtsstaats, die Verteufelung des politischen Gegners, die Diskriminierung der Juden werden völlig ausgeblendet. Vielleicht wollte Eggen die Zweifel seines Norderneyer Umfeldes an seiner nazistischen Gesinnung zerstreuen, die es im Sommer 1933 noch gegeben hatte. Er hinterlässt den Eindruck eines schließlich zutiefst überzeugten Nationalsozialisten, was fatal ist, weil er in seinem Anpassungsprozess sicherlich typisch ist für einen großen Teil seiner Generation.
Eine Zusammenstellung der Porträts aus dem Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft und dem Auricher Schloss mit weiteren Bildern und den Texten aus dem biographischen Lexikon für Ostfriesland