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Alma, Redmer: Das Porträt Focko Ukenas. Entschlüsselung der Geschichte eines Bildnisses mit Hilfe der forensischen Genealogie
Zusammenfassung
Das Porträt vom Häuptling und Vorläufer der ostfriesischen Grafen Focko Ukena (um 1370-1436) ist in der Literatur seit 1712 bekannt. Damals wurde es in der Burg zu Oosterwijtwerd aufbewahrt, die angeblich von ihm erbaut worden sei. Angenommen wurde, dass das Porträt immer dort gehangen hatte. In diesem Beitrag wird die Herkunft des Gemäldes rekonstruiert, anhand genauer Analyse der Quellen und mit der Methode der forensischen Genealogie, die zu genauerer Datierung und Lokalisierung Anlass geben kann.
Es konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit festgestellt werden, dass das Gemälde im Auftrag des Sweder Schele von Weleveld (1569-1639) nach Vorbild eines älteren Porträts gemalt worden ist, für das vermutlich ein anderes Familienmitglied Modell gesessen hat.
Das von Schele für seine Ahnengalerie angefertigte Gemälde wurde jedoch während seiner Existenz immer Focko Ukena zugeschrieben, der dadurch als berühmter adliger Vorfahr, als Gründer einer Burg, als Gegner der ostfriesischen Grafen oder als Verteidiger der friesischen Freiheit eine Rolle gespielt hat. In jüngerer Zeit ist er dem Primat der Historizität zum Opfer gefallen: Da man aufgrund der Stilmerkmale schloss, dass das Porträt des Focko Ukena unmöglich nach dem Leben gemalt sein konnte, geriet es fast in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie sich herausstellte, da Ursprung und Geschichte des Gemäldes noch immer die Fantasie ansprechen können und viel über den Umgang mit historischen Personen und berühmten Ahnen aussagen.
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Suhr, Heiko: Georg von Eucken-Addenhausen (1855-1942). Ein Monarchist zwischen Berliner Schloss und Neuharlingersiel
Zusammenfassung
Georg von Eucken-Addenhausen (1855-1942) hat als Kommunalpolitiker in Thüringen, Jurist im Reichsinnenministerium in Berlin sowie vor allem als Präsident der Ostfriesischen Landschaft Bekanntheit und Bedeutung erworben, die weit über seine ostfriesische Heimat hinaus reicht.
Neben der Biografie und den Lebensstationen stellt dieser erste biografische Aufsatz über Eucken sein Verhalten in den Jahren des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt der Betrachtung. Eucken wurde auf der Ostfriesischen Landrechnungsversammlung im Mai 1932 als Vorsteher der Ostfriesischen Landschaft bestimmt. Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Ostfriesische Landschaft als Institution gefährdet. Eucken hat aber den polykratischen Charakter des NS-Systems erkannt und versuchte das NS-Kompetenzgerangel für seine Zwecke auszunutzen. Er bestimmte nach seiner Amtsübernahme und mindestens bis zur Jahreswende 1937/1938 ganz eindeutig den Kurs der Landschaft, der sich den autoritären NS-Strukturen und dem Führerprinzip immer mehr annäherte. Dieser von Eucken vorgegebene Kurs wäre ohne eine freiwillig erfolgte Nazifizierung landschaftlicher Inhalte und Formen, vor allem im Rahmen der völkischen NS-Kulturpolitik und der NS-Rassenideologie nicht möglich gewesen. Eucken tat damit genau das, was der NS-Staat von ihm erwartet hat: Er propagierte öffentlich die nationalsozialistische Weltanschauung.
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Rokahr, Gerd: Der Luftschutz-Warndienst in Ostfriesland während des Zweiten Weltkriegs. Erkenntnisse aus den Aufzeichnungen der Luftschutz-Warnstelle Esens (1942-1945)
Zusammenfassung
Seit 1933 informierte der Reichsluftschutzbund die deutsche Bevölkerung über zahlreiche Möglichkeiten, sich vor den verheerenden Wirkungen feindlicher Luftangriffe in einem zukünftigen Krieg zu schützen. Eine wichtige Voraussetzung für die Effizienz dieser Schutzmaßnahmen war ein gut funktionierender Warndienst, der die Bewohner des Deutschen Reiches rechtzeitig vor Luftangriffen warnen konnte. In vielen größeren Städten wurden Luftschutz-Warnzentralen, die späteren Luftschutz-Warnkommandos, eingerichtet, welche die Luftschutz-Warnstellen in ihrem Warnbereich mit aktuellen Luftlagemeldungen versorgten. Seit Ende Dezember 1943 war auch die Stadt Esens an das Netz des für Ostfriesland zuständigen Emder Luftschutz-Warnkommandos angeschlossen. Zu anderen zivilen und militärischen Verbindungsstellen bestand seitdem nur noch gelegentlich Kontakt, zum Beispiel wenn die Hauptverbindung ausgefallen war. Als Örtlicher Luftschutzleiter trug Bürgermeister Heinrich Driesen die Verantwortung für den Luftschutz in seiner Stadt. Von besonderer Bedeutung für den lokalen Luftschutz war eine ständige enge Verbindung mit der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, die bei Fliegeralarm stets in Bereitschaft sein musste, aber auch bei Lösch- und Aufräumungsarbeiten nach Bombenangriffen auf benachbarte Städte zum Einsatz kam. Die zahlreichen Zeitangaben zu Fliegeralarm und Entwarnung lassen erahnen, wie belastend die Vielzahl der Alarme für die Bevölkerung gewesen sein muss, denn die Sirene heulte ja auch, wenn das eigene Gebiet nur überflogen, aber nicht angegriffen wurde.
Viele Städte in Deutschland, darunter Emden und Wilhelmshaven, hatten ungleich schwerer unter den Folgen des Bombenkriegs zu leiden, weit mehr Opfer zu beklagen und ein größeres Maß an Zerstörung zu verzeichnen als die Kleinstadt Esens. Dennoch wurde Esens von 1943 bis zum Kriegsende acht Mal zum Ziel alliierter Luftüberfälle, die sich jeweils während groß angelegter Bombenangriffe auf bedeutendere Städte und Industrieanlagen ereigneten. Obwohl Esens als ziviles Ziel galt, trafen die britischen und amerikanischen Flieger stets die Stadt und ihre Bewohner. Das nahe gelegene Marinelager als einziges militärisches Objekt weit und breit blieb von Luftangriffen verschont. In Esens gab es keine bombensicheren Luftschutzräume, so dass viele Menschen bei Fliegeralarm die Stadt verließen und versuchten, sich auf freiem Feld in Sicherheit zu bringen.
Inwieweit die hier beschriebenen Luftlagemeldungen und Alarmbefehle mit anderen Unterlagen über Luftangriffe auf bestimmte Städte übereinstimmen, sie vielleicht sogar ergänzen können, soll hier – stellvertretend für viele andere Orte – am Beispiel der Stadt Esens demonstriert werden.
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Weßels, Paul: "Für alle Zeit ..." - Die Gefallenengedenkstätte der Stadt Leer in der Krypta auf dem Kirchhof Westerende
Zusammenfassung
Die spätromanische Krypta auf dem reformierten Kirchhof Westerende in Leer ist nicht nur ein Erinnerungsort für den Beginn der Christianisierung Ostfrieslands, sondern in der einzigen Krypta Ostfrieslands befindet sich seit 1958 auch eine kommunale Gedenkstätte der Stadt Leer für die Gefallenen der beiden Weltkriege und der Opfer der Konzentrationslager. Nachdem 1953 eine breite öffentliche Diskussion über mögliche Standorte für einen Gedenkort in Leer begonnen hatte, entschlossen sich Politik und Verwaltung der Stadt Leer Ende 1954 dazu, die Krypta auf dem reformierten Kirchhof Westerende zu einem kommunalen Gedenkort umzugestalten. Das bot den willkommenen Anlass für die Stadt, die die Bauträgerschaft übernahm, die sanierungsbedürftige Krypta, die Ende April 1945 einen Bombentreffer erhalten hatte, auszuräumen, wissenschaftlich erforschen zu lassen und wiederherzustellen. Die Unterkirche ist der Überrest eines der frühesten Backsteinkirchengebäude im Nordwesten, eine in der Form in der Region einzigartige Saalkirche mit zweiapsidialem Ostabschluss, ursprünglich um 1190 errichtet, im 15. Jahrhundert um einen hohen Chor erweitert und 1787 weitgehend abgerissen.
Die heutige Krypta blieb als Unterkirche damals vermutlich nur deshalb teilweise erhalten, weil sie seit dem Spätmittelalter als Grablege diente und sich einige Gruften in Privatbesitz befanden. Nachdem die Sanierung und wissenschaftliche Erforschung abgeschlossen war, konnte 1957 mit der Errichtung der Gedenkstätte begonnen werden. Der Auricher Regierungsbaurat Hermann Müller-Stüler leitete diese Arbeiten, lieferte die gestalterischen Vorlagen und nahm den Kontakt zu regionalen Kunsthandwerkern auf, um die Arbeiten ausführen zu lassen. Der Eingang zur Krypta wurde weithin sichtbar durch einen von Spitzbögen geprägten Backsteinturm markiert, in den beiden Konchen des Innenraums wurden in gelungener Anpassung an die spätromanische Architektur ein Gedenkstein mit Kreuz und Mosaik auf der nördlichen Seite und ein Granitsockel mit einer Vitrine für ein Gedenkbuch auf der südlichen Seite platziert. Das Buch enthält die Namen und Daten aller Gefallenen der Leeraner Familien des Ersten und Zweiten Weltkriegs und der jüdischen Opfer der Konzentrationslager. 1958 wurde die Krypta mit einer vom Pazifismus geprägten Feier als Gedenkort eingeweiht, 1963 schließlich auch das Gedenkbuch in der Krypta ausgelegt. Die Stadt Leer hat die Pacht für den Gedenkraum 2019 nach 60 Jahren nicht mehr verlängert.
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II. Miszellen
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Behre, Karl-Ernst: Wühlen und Kleischießen - natürliche Mineraldüngung vor Jahrhunderten
Fazit
Jahrhundertelang hatte man hingenommen, dass die Böden der ursprünglich nährstoffreichen Küstenmarschen nach und nach verarmten, bis man im frühen 18. Jhrdt. eine Methode der Düngung erfand, die großflächig praktiziert werden konnte und dabei vor allem den im Stallmist fehlenden Kalk lieferte. Trotz des enormen durch menschliche Hand erbrachten Arbeitsaufwandes haben sich sowohl das Wühlen in der Marsch als auch das Kleischießen in den küstennahen Moorgebieten vollauf gelohnt.
Heute würde diese Praxis als biologisch anerkannt und der gesamte Ernteertrag könnte als biologisch angebaut teuer vermarktet werden. Nachdem ab der Mitte des 19. Jhrdts. durch Justus von Liebig die künstliche Düngung eingeführt wurde, hielten sich die hergebrachten Methoden noch fast weitere hundert Jahre. Spätestens Mitte des 20. Jhrdts. wurden Wühlen und Kleischießen eingestellt, weil sie sich wegen des hohen Arbeitsaufwandes nicht mehr gegen die künstliche Düngung rechneten. Diese brachte biologisch gesehen jedoch kaum etwas anderes: Kalk aus Kalkgestein und Kali aus dem Salz im Untergrund, die beide wie der Klei ihre Herkunft aus marinen Sedimenten haben. Hier sollten die für den biologischen Anbau erlaubten Düngemittel etwas korrekter gefasst werden.
Heute ist die Kenntnis über diese alten Düngemethoden fast verschwunden. Dieser Beitrag soll an sie erinnern. In anderer Weise sind diese Tätigkeiten jedoch auch für die Sozialgeschichte wichtig, denn sie gaben in der Marsch und den küstennahen Mooren Arbeitsmöglichkeiten für die am Rande ihrer Existenz lebenden Bewohner der armen Moor- und Heidegebiete, wie sie diese in anderer Weise nur in der Hollandgängerei fanden. Insofern haben sie den Druck auf die Auswanderung nach Amerika etwas gemildert.
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Weßels, Paul: Ostfriesland und das "Jahr ohne Sommer" 1816. Die Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815 für den äußersten Nordwesten Deutschlands
Textanfang
In den Zeiten einer radikalen Erderwärmung scheint die Aussage, die Entwicklung des Klimas habe entscheidenden Einfluss auf die Menschheitsgeschichte, fast banal. Aber es ist in der Geschichte nicht immer leicht, dafür die Nachweise zu führen, weil sich Zusammenhänge von Wetter, wirtschaftlicher Entwicklung und politischem Geschehen vor der Zeit der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen nur schlecht rekonstruieren lassen. In den vergangenen Jahren gab es in der Folge des 200. Jahrestages des Vulkanausbruchs des Tambora in Indonesien 1815 aber eine Reihe von neuen Veröffentlichungen zu einer Folgekatastrophe, die 1816 fast den ganzen Globus betraf und die als „Jahr ohne Sommer“ in weiten Teilen der Welt ein ungewöhnlich kaltes und nasses Klima zur Folge hatte.
[…]
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Hermann, Michael: Neue Aspekte zur Besetzung Emdens durch Regierungstruppen im Februar 1919? Die Lebenserinnerungen eines Beteiligten auf dem Prüfstand
Einleitung
Der Quellenwert von Selbstzeugnissen, wie sie sich in Tagebüchern, Autobiographien oder Memoiren finden, werden in der historischen Forschung unterschiedlich bewertet. Während auf der einen Seite die verstärkte Beschäftigung mit Alltagsgeschichte und Mikrohistorie „das Individuum mit seinen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Handlungen wieder ins Blickfeld der Historiographie“ rücken läßt, wird andererseits die „Brauchbarkeit der Selbstzeugnisse als Quellen zur Tatsachenerkenntnis“ in Zweifel gezogen. Unberührt von diesen Überlegungen strahlen Ego-Dokumente eine nicht zu verleugnende Faszination aus, insbesondere wenn unmittelbar Beteiligte von historischen Ereignissen aus erster Hand berichten.
Einen solchen Erlebnisbericht stellen die Lebenserinnerungen von Hellmut Stimming dar, die er unter dem Titel „Ein Leben in Krieg und Frieden“ etwa Mitte der 1970er Jahre bei dem Verlag H.F. Kathagen in Bommerholz veröffentlichen ließ. Vordergründig besitzt die Quelle zunächst nur wenige Bezüge zur ostfriesischen Geschichte, da sich der Autor offensichtlich nur kurzzeitig in Ostfriesland aufhielt. Gleichwohl war er Mitglied der Torpedoflottille, die bei der Besetzung Emdens durch Regierungstruppen im Februar/März 1919 vor dem Rathaus am Delft ankerte. Seine autobiographische Erzählung enthält Einzelheiten, die die bisherigen Erkenntnisse der Ereignisse ergänzen bzw. ihnen sogar widersprechen. Daher erscheint es angebracht, sich näher mit dem Autor und seiner Publikation zu befassen und seine Aussagen zur Besetzung Emdens zu überprüfen.
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