• Tagebuch der Hebamme Hilka Hassler in Hollen 1948-1949 - Umschlag

Buch des Monats August 2026

Tagebücher der Hebamme Hilka Hassler/de Vries in Hollen/Nordgeorgsfehn

Zwischen Hausgeburt und Kreißsaal

– Der Nachlass der ostfriesischen Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922-1974) –

Der 2025 von der Landschaftsbibliothek Aurich übernommene Nachlass der Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922-1974) ermöglicht erstmals einen quellennahen Einblick in das Berufsleben einer ostfriesischen Landhebamme im 20. Jahrhundert. Während die Hebammengeschichte seit den 1980er Jahren im Rahmen der Frauen- und Geschlechtergeschichte zunehmend erforscht wird, fehlt für Ostfriesland eine systematische Aufarbeitung bislang weitgehend. Die vorliegende Biografie leistet daher einen Beitrag zur ländlichen Geburtshilfe der Region.

Porträtaufnahme Hilka Haßler (um 1950)
Hilka Haßler (um 1950)

Hilka Haßler wurde am 17. Juni 1922 als Tochter des Landwirts Dirk Haßler in Schwerinsdorf geboren und wuchs in einem ländlich-protestantischen Milieu auf. Mit vierzehn trat sie ins Arbeitsleben ein, von 1936 bis 1938 als landwirtschaftliche Gehilfin in Holtland, von 1938 bis 1940 dann als Hausgehilfin an den Rotenburger Anstalten der Inneren Mission. Dieser diakonische Ort war kein neutraler: Seit 1934 wurde hier auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert, und ab 1940/41 – nach Haßlers Weggang – wurden Hunderte im Rahmen der „Aktion T4“ verlegt und überwiegend ermordet. Haßler war dort in untergeordneter, hauswirtschaftlicher Funktion tätig und verließ die Anstalt vor Beginn der Deportationen; gleichwohl rührte ihre Arbeit hier erstmals an die Institutionen nationalsozialistischer Gesundheitspolitik.

Vom Januar 1941 bis zum Sommer 1942 ließ sie sich an der Landesfrauenklinik Hannover zur Hebamme ausbilden und bestand die staatliche Prüfung mit „genügend“. Damit trat sie in einen Beruf ein, den der NS-Staat kurz zuvor neu geordnet hatte: Das Reichshebammengesetz von 1938 wertete die Hebammen durch Hinzuziehungspflicht, Approbation und Niederlassungserlaubnis auf, stellte sie zugleich aber unter straffe staatliche Kontrolle und drängte jüdische Frauen aus dem Beruf. Vor allem aber waren Hebammen seit 1934 und verschärft durch den Geheimerlass vom 18. August 1939 verpflichtet, Neugeborene mit Verdacht auf schwere angeborene Leiden zu melden – Meldungen, die über den getarnten „Reichsausschuss“ unmittelbar in die „Kindereuthanasie“ flossen. Hilka Haßler gehörte zu jener Generation von Hebammen, die rechtlich in diese Meldekette eingebunden war; ob sie diesen Pflichten je nachkam, lässt sich aus dem Nachlass nicht beantworten.

Ihre kriegszeitlichen Stellen lassen sich gut nachzeichnen: Von 1942 bis 1943 war sie als Hebamme am Kreiskrankenhaus Diepholz an rund dreihundert Geburten beteiligt, anschließend leitete sie bis Kriegsende den Kreißsaal der Frauenklinik Dr. Tausch in Wolfenbüttel. Beide Stellen verließ sie „auf eigenen Wunsch“ – eine in ihren Zeugnissen wiederkehrende Formel, die ihre berufliche Beweglichkeit erkennen lässt. Das Kriegsende führte sie auf die Seite der Entwurzelten: 1946 betreute sie für die UNRRA Displaced Persons in den Lagern Munster und Wolterdingen, von Oktober 1946 bis Sommer 1947 an der ebenfalls von der UNRRA geführten Krankenanstalt Hahn bei Oldenburg.

Im Herbst 1947 kehrte sie nach Ostfriesland zurück und wurde im April 1948 Gemeindehebamme in Hollen. Ihre Tagebücher bezeugen für 1948 25 und für 1949 vierzig Hausgeburten. Am 18. November 1951 heiratete sie Gerhard Theodor de Vries, ohne ihren Beruf aufzugeben; der 1955 erworbene Führerschein verweist auf die Mobilität, die eine Landhebamme der Nachkriegszeit benötigte.

Ab Januar 1955 wirkte Hilka de Vries als Hebamme in Nordgeorgsfehn. Ihre erhaltenen Hebammen-Tagebücher folgten einem standardisierten Formular, in das sie für jede Geburt Verlauf und Dauer, die Personaldaten von Mutter und Kind, etwaige Regelwidrigkeiten sowie die sogenannte Kunsthilfe – operative Eingriffe – einzutragen hatte; gerade diese letzte Spalte blieb nahezu durchgängig leer, denn ihre Geburten verliefen ganz überwiegend spontan. Über die Jahre zeichnen die Tagebücher kontinuierlich hohe Geburtenzahlen; das arbeitsreichste Jahr war 1960 mit 64 einfachen Geburten. Insgesamt begleitete sie 561 einfache und drei Mehrlingsgeburten, mithin 564 dokumentierte Geburtsereignisse; der Amtsarzt lobte 1960 ausdrücklich ihre sorgfältige Buchführung. Ein erhaltenes Rechnungsbuch ergänzt die wirtschaftliche Seite: Für eine Entbindung berechnete sie 32 Mark zuzüglich fünf Mark Fahrgeld.

Vom August 1966 an wirkte Hilka de Vries am Borromäus-Hospital in Leer. Ein Zwischenzeugnis von 1973 attestierte ihr „große Gewissenhaftigkeit“ und ein „ausgeprägtes Verantwortungsgefühl“; ihre ruhige, fürsorgliche Art werde von den Patientinnen als sehr angenehm empfunden. Es ist das letzte berufliche Zeugnis eines Lebens, das ganz im Dienst an Müttern und Neugeborenen stand. Hilka Haßler starb 1974: Nach der Sterbeurkunde des Standesamtes Detern wurde sie am 9. Juli 1974 in Filsum am Schöpfwerk in der Jümme tot aufgefunden; mit nur 52 Jahren schied sie freiwillig aus dem Leben.

Worin liegt das Besondere ihres Weges? Bemerkenswert ist die Dichte und zugleich Unscheinbarkeit, mit der eine tüchtige, bewegliche, ihrem Beruf zugewandte junge Frau aus dem ländlichen Ostfriesland durch zwei Kernzonen nationalsozialistischer Gesundheits- und Bevölkerungspolitik hindurchging: durch eine Anstalt der Inneren Mission, in der zwangssterilisiert wurde, und durch den vom Staat instrumentalisierten Hebammenberuf. Beides durchlief sie in dienenden Rollen, ohne eine Spur ideologischen Bekenntnisses, um unmittelbar nach 1945 für die UNRRA auf der Seite der Verschleppten zu stehen. Ihr Leben ist insofern ein Fall von Verstrickung ohne Bekenntnis: strukturell eingebunden, individuell unauffällig. Die Quellen erhellen weder ihre innere Haltung noch beantworten sie, ob sie je eine Meldeentscheidung traf; ihr Schweigen ist selbst charakteristisch. Gerade diese Gewöhnlichkeit aber macht ihr Leben für die regionale NS-Alltags- und Frauenforschung wertvoll: Sie zeigt, wie sehr das verbrecherische System auf die alltägliche Tüchtigkeit zahlloser „normaler“ Berufstätiger angewiesen war und wie bruchlos sich diese über die Zäsur von 1945 hinweg in die Fürsorge für die Opfer des Regimes überführen ließ. Was bleibt, ist das Bild einer bemerkenswerten Frau, deren lebenslange Profession die Fürsorge war.

Heiko Suhr

Landesfrauenklinik Hannover (um 1940)
Landesfrauenklinik Hannover (um 1940)
Kinderstation in der Wolfenbütteler Frauenklinik und Entbindungsanstalt (um 1945)
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Die Krankenschwestern im britischen DP-Hospital in Hahn (1946/1947)
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Tagebuch der Hebamme Hilka Hassler in Hollen 1948-1949 - Doppelseite mit Beispieleintragungen
Tagebuch der Hebamme – Doppelseite mit Beispieleintragungen

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