• Gerhard de Boer: Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland, Bauaufnahme Blatt 1 und 6 (Ausschnitt): Südansicht und Querschnitt
  • Gerhard de Boer: Baugeschichtliche Untersuchung und Beschreibung zur Bauaufnahme "Das Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland" - Titelblatt

Buch des Monats September 2026

De Boer: Das Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland

Ein Architektenleben zwischen Landschaftspolder und Hamburg

– Der Nachlass des Architekten Gerhard de Boer (1927-2005) und seine Zeichnungen vom Steinhaus Bunderhee –

Porträtfotografie Gerhard de Boer als Architekt in Hamburg 1969
Gerhard de Boer als Architekt in Hamburg 1969 (Quelle: Privatarrchiv Theda de Boer)

Die 2026 von der Landschaftsbibliothek Aurich übernommene Studienarbeit des Architekten Gerhard de Boer (1927-2005) über das Steinhaus Bunderhee bildet zusammen mit zwei eigenhändigen Lebensläufen im Besitz der Familie eine selten dichte Überlieferung. Sie zeigt den Weg eines Rheiderländer Bauernsohns in den Architektenberuf und zugleich, wie ein Student der 1950er Jahre auf das älteste erhaltene profane Gebäude Ostfrieslands blickte. Der ausführlichere der beiden Lebensläufe entstand Anfang 1948 als Gesuch um Zulassung zur Reifeprüfung, der knappere 1950 für die Zulassung zum Studium.

Gerhard de Boer wurde am 8. April 1927 in Landschaftspolder im äußersten Westen des Rheiderlandes geboren, als jüngstes von sieben Kindern des Landwirts Christinus Hubertus Johannes de Boer und seiner Frau Margarete Johanne geb. Barth. Die Erinnerung an diese Jahre bleibt im Lebenslauf ungetrübt. Die Höfe lagen weit auseinander, Spielgefährte war der fast gleichaltrige Bruder, und im Winter ging es mit dem Rodelschlitten hinaus zum Deich, „unsere größte Erhebung in der flachen, eintönigen Landschaft“. In der einklassigen Volksschule zeigte sich früh ein Wesenszug, der ihn lebenslang begleiten sollte. Er lernte langsamer als die Geschwister und arbeitete dafür sorgfältiger.

Weil zwei ältere Brüder für die Landwirtschaft bestimmt waren, schickten ihn die Eltern Ostern 1938 auf die Staatliche Oberschule für Jungen in Leer. Untergebracht wurde er bei Onkel und Tante in Ihrhove, was ihm die Trennung erleichtern sollte und ihn doch „manche weinende Stunde“ kostete. In den freien Stunden zog es ihn dort in den Sandkasten, wo er „gärtnerische Anlagen und kunstvolle Bauten“ im Kleinen anlegte. Die Verwandten nannten ihn dafür einen kleinen Architekten.

Der Krieg holte ihn 1943 aus Ihrhove heraus. Bis September 1944 diente er als Marinehelfer in Großmidlum, danach besuchte er wieder die Oberschule und leistete nebenher Dienst als Luftwaffenhelfer in Leer. Weil die Zugverbindungen zu schlecht geworden waren, fuhr er täglich mit dem Fahrrad vom Elternhaus aus, hin und zurück „eine Gesamtstrecke von 50 km“. Am 5. Februar 1945 wurde er zum Reichsarbeitsdienst einberufen, es folgten Wehrdienst und eine Ausbildung, die ihn bis nach Dänemark führte. Der schwerste Schlag aber traf die Familie zu Hause. Als er am 31. März 1945 ein letztes Mal nach Landschaftspolder durfte, empfingen ihn die Eltern „in tiefster Trauer“, denn sie hatten gerade die amtliche Bestätigung vom Tod einer Tochter erhalten. Auch einer der Söhne galt als gefallen. Erst ein Jahr später erwies sich diese Nachricht als falsch, als der Bruder aus britischer Kriegsgefangenschaft schrieb.

Gerhard de Boer: Baugeschichtliche Untersuchung und Beschreibung zur Bauaufnahme "Das Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland" - Abbildungen 17-19: Halle 1. Obergeschoss, Halle 2. Obergeschoss, Dachstuhl
Baugeschichtliche Untersuchung, Abbildungen 17-19

Schon am 12. Juni 1945 war de Boer wieder zu Hause, im November nahm er den Unterricht in Leer erneut auf und bestand am 27. Februar 1948 die Reifeprüfung. Der Berufswunsch stand da längst fest. Seine Neigungen, so schreibt er, „entsprachen den Forderungen des Architekten, nach dem ich in meinem Innern schon heimlich strebte“. Er arbeitete als technischer Zeichner und als Praktikant auf dem Bau, ehe er im Oktober 1950 das Studium an der Technischen Hochschule Braunschweig aufnahm. 1958 schloss er als Diplom-Ingenieur ab und ging nach Hamburg zur Neuen Heimat, jenem gewerkschaftseigenen Unternehmen, das das Gesicht des bundesdeutschen Wohnungsbaus nach 1945 wie kaum ein anderes prägte. Bis 1985 arbeitete er dort in der Wohnungs- und Siedlungsplanung sowie in der Stadtsanierung. Was die Ihrhover Verwandten als Spielerei bewundert hatten, war nun sein Beruf. Zum 1. Mai 1985 wurde er vorzeitig pensioniert, nach eigener Auskunft wegen der Auflösung des Unternehmens. Gerhard de Boer starb am 12. April 2005 in Hamburg-Niendorf.

Im Wintersemester 1956/57 hatte sich der Student einem Bauwerk seiner engeren Heimat zugewandt. Für Daniel Thulesius (1889-1967), der in Braunschweig das Fach Architekturzeichnen und Raumkunst vertrat, verfasste er eine baugeschichtliche Untersuchung des Steinhauses Bunderhee. Die Anregung dürfte von einer Arbeit derselben Fakultät ausgegangen sein. 1943 hatte Karl Maas dort bei Julius Petersen (1883-1969) über die Steinhäuser Ostfrieslands und des Jeverlandes promoviert, eine Dissertation, die den völkisch-nationalen Zungenschlag der Hausforschung jener Jahre bis in die Begriffsbildung trägt. In de Boers Manuskript findet sich davon jedoch keine Spur mehr. Er übernimmt zwar den methodischen Zugriff, lässt aber den ideologischen Überbau hinter sich. Seine Datierung des Turms in das 12. bis 13. Jahrhundert folgt der älteren Literatur, heute setzt die Forschung den Bau in das 14. Jahrhundert.

Der eigentliche Schatz des Manuskripts aber sind die Bauaufnahmen. Auf neun großformatigen, leicht aquarellierten Blättern hält de Boer das Gebäude in seiner ganzen Gestalt fest, von den Grundrissen sämtlicher Geschosse über Längs- und Querschnitt bis zu den Ansichten aller Seiten. Sie stehen in der Tradition der Aufnahmen von Maas und übertreffen sie stellenweise an Genauigkeit.

Worin liegt das Besondere dieses Lebens? Die Stationen sind für seine Generation typisch, ein Bauernsohn, der Architekt wird, eine Kriegsjugend, ein Berufsleben in der Großstadt. Bemerkenswert ist die Genauigkeit, mit der der Zwanzigjährige über sich selbst schreibt. Dazu kommen die wohl schönsten Bauaufnahmen, die vom Steinhaus Bunderhee je entstanden sind.

Heiko Suhr

Digitalisat der baugeschichtlichen Untersuchung (52,72 MB)

 

Gerhard de Boer: Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland, Bauaufnahme Blatt 4: Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Bauaufnahme Blatt 4: Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Gerhard de Boer: Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland, Bauaufnahme Blatt 2: Aufriss Nordansicht (Quelle: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Bauaufnahme Blatt 2: Aufriss Nordansicht (Quelle: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Gerhard de Boer: Baugeschichtliche Untersuchung und Beschreibung zur Bauaufnahme "Das Steenhuus bei Bunde in Ostfriesland" - Abbildung 2: Blick von Nordosten auf das Steinhaus Bunderhee
Baugeschichtliche Untersuchung, Abbildung 2: Blick von Nordosten

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