• Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren - "Zunge" des goldgeprägten Ledereinbandes, golden und farbig illuminierte erste Textseiten und Seidenfutteral

Buch des Monats Mai 2026

Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren

Vom Osmanenreich nach Aurich – ein Gebetsbuch aus der Cirksena-Bibliothek

– Eine arabische Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren –

Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren - goldgeprägter Ledereinband
Ledereinband

Der Koran war nicht nur eine der Quellen, aus denen die Impulse zur Weiterentwicklung und Wertschätzung der islamischen Kalligrafie flossen, sondern auch das meistkopierte Buch der islamischen Welt – insbesondere im Zuge einer „Massenproduktion“ im Safawiden- und Osmanenreich seit dem 16. Jahrhundert. Insofern überrascht es nicht, dass auch die Landschaftsbibliothek in Aurich eine auszugsweise Koranhandschrift besitzt. Woher sie ursprünglich stammt und auf welchem Weg sie nach Ostfriesland gelangt ist, ist allerdings nur in Umrissen zu rekonstruieren.

Ein Dr. W. Reese, vermutlich Lehrer am Ulricianum, hat sich bereits vor über einhundert Jahren mit dieser Frage beschäftigt und seine Analyse auf einer in das Buch gelegten, auf den 1. September 1924 datierten Postkarte festgehalten. Sie nimmt für die Handschrift eine Entstehung im 17. oder 18. Jahrhundert und eine persische oder nordindische Herkunft des Schreibers und Illuminators an. Die enthaltenen Suren – 6, 36, 44, 48, 55, 56, 67 und 78 – identifiziert sie korrekt, vermag jedoch keinen Grund dafür zu erkennen, „dass gerade diese Suren ausgewählt sind.“

Im vermeintlich vorderen, eigentlich hinteren Deckel klebt ein Exlibris, welches das Buch als Teil der Bibliothek des ostfriesischen Regierungspräsidenten Christoph Friedrich von Derschau ausweist. Ihm korrespondiert die im Inneren der Deckelzunge eingetragene Nummer 24 der Rubrik „Libri rariores et singularis argumenti in octavo“ im Katalog dieser Bibliothek: „Ein türkisches Gebetsbuch, Manuskript, in seidenem Futteral“. Von Derschau, dessen Bibliothek in der Landschaftsbibliothek aufbewahrt wird, hatte einen Teil der ostfriesischen Fürstenbibliothek erstanden. Zu dieser 1746 versteigerten Sammlung gehörte immerhin ein „arabisches Manuscript, so ein Stück aus dem Alcoran“ im Quartformat.

In der Tat dürfte es sich um eine Form des Gebetsbuchs handeln, wie sie im Osmanischen Reich verbreitet war und in der mindestens – manchmal ausschließlich – die besonders häufig rezitierte Sure 6 (genannt al-Anʿām, „das Vieh“) enthalten ist. Andere Gebetsbücher mit derselben Auswahl, oft durch weitere häufig rezitierte Suren ergänzt, sind zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert entstanden und mitunter als Beute aus den Osmanenkriegen nach Europa gelangt. Entgegen Reeses Verwunderung lässt sich der Zuschnitt sehr wohl begründen, denn inhaltlich verbindet die acht Suren der starke Jenseitsbezug.

Der künstlerischen Gestaltung nach folgt das hier vorgestellte Buch den Konventionen der islamischen Buchkunst, oder besser: Buchkünste, denn an der Herstellung eines einzigen Bandes war mit dem Kalligrafen, dem Illuminator, dem Vergolder, dem Lederschneider, dem Papiermacher und dem Buchbinder eine ganze Reihe handwerklicher Spezialisten beteiligt.

Das Buch misst 20 x 13 x 2 cm und ist in goldbemaltes dunkelbraunes Leder mit schmucklosem Rücken und einer dreieckigen Zunge (lisān) gebunden, die zum Schutz des Schnitts unter den Deckel oder als Lesezeichen zwischen die Seiten geschoben wird. Das goldene Gepräge des Deckels besteht in einem zentralen, hochformatigen, ellipsenförmigen Medaillon (auch turunǧ, Zitrone, Mandel, oder šams, Sonne genannt) mit kleinen Anhängern oben und unten, in dem floraler Dekor ausgespart ist. Ihm entsprechen vier Zwickel in den Ecken, umgeben von einer Flechtbandbordüre entlang des Deckelrandes.

Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren - Seidenfutteral
Seidenfutteral

Diese Form der Buchbindung war seit Jahrhunderten, insbesondere von der Timuriden- bis zur Kadscharenzeit im persischen und osmanischen Raum, vorherrschend, und die Einbandgestaltung mit der Gliederung in Borte und Feld folgt Prinzipien, wie sie die Flächengestaltung in der islamischen Kunst allgemein bestimmt haben.

Beim „seidenen Futteral“ handelt es sich um ein buntes, gestreiftes Täschchen mit einer Lasche, die sich über eine diagonal verlaufende Leiste mit neun Knöpfen verschließen lässt. Ähnliche Modelle wurden im 17. Jahrhundert in den Osmanenkriegen erbeutet.

Wie üblich befindet sich der Text (matn) in einem relativ kleinen, rechteckigen Feld, umgeben von einem schwarzumrandeten (taḥrīr), goldenen Rahmen (misṭara). Er umfasst sieben Zeilen pro Seite und ist mit schwarzer Tinte in einer Form des nasḫ geschrieben, einer der sechs kanonischen arabischen Schriftarten, die sich für Koranhandschriften in späterer Zeit durchsetzte. Das sogenannte Dolch-Alif wird als gewöhnliches Alif ausgeschrieben. Am unteren Rand der jeweils rechten Seite wird zur Optimierung des Bindevorgangs stets das Anfangswort der nächsten Seite wiederholt.

Wie in al-Anʿām-Gebetsbüchern ist allein die erste, rechte Seite, auf welcher der Text beginnt, illuminiert. Das obere Drittel ziert ein querformatiges Feld, das den goldenen Textrahmen bis an den Seitenrand fortsetzt und in zwei Felder gegliedert ist: unten ein schmales, querformatiges Rechteck mit einer goldenen Kartusche, darüber ein größeres, nach oben offenes, in dem sich das die Kartusche umgebende florale Ornament in einem der aufgehenden Sonne gleichenden Spitzbogen weiterführt – wie um ein halbes, hinter dem Rahmen verstecktes Medaillon zu ergeben.

An chromatischer Vielfalt ist nicht gespart worden: Gold, Silber, Lapislazuli, Türkis, Manganbraun, Purpur, Rosa und Weiß haben von ihrer Leuchtkraft wenig eingebüßt. Den Anfang jeder Sure markiert ein zwei Zeilen hohes Schmuckfeld mit leerer Kartusche bzw. floral ausgestalteten Eckzwickeln. Zu Beginn des Textes steht ein mehrfarbiges Fleuron. Die Enden der Verse (āyāt) sind durch sechsblättrige goldene Rosetten mit türkisen und blauen Narben oder durch Räder und Spiralen gekennzeichnet. Hinweise zur korrekten Rezitation sind mit roter Tinte zwischen die Zeilen geschrieben.

Reese hält es für „nicht anzunehmen, dass dieser Handschrift wissenschaftliche Bedeutung beizumessen ist“, womit er auf die – gemessen an den Meisterstücken – in der Tat bescheidene Ausstattung und mittelmäßige Ausführung anspielt. Dennoch verfügt die Landschaftsbibliothek mit ihr über einen kleinen Schatz: das zumindest hier einzigartige, weitgereiste Zeugnis einer hochentwickelten Kultur des Buches und ein Kunstwerk, das Wert aus der bloßen Hingabe seiner Produzenten und aus der persönlichen Bedeutung für seinen Besitzer bezieht.

Leonard Herbst

Koranhandschrift mit Auszügen aus acht Suren - goldene und farbige Illumination und erste Textzeile
Illumination und erste Textzeile

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