Von König Friso über Kaiser Karl bis zu Graf Enno III.
– Marten Hamckema schildert in seiner „Frisia“ friesische Geschichte und Legende in Versen –

Wo kommen eigentlich die Friesen her? Die Legende weiß darauf eine einleuchtende Antwort: Wie Rom von Romulus erbaut wurde, wurde Friesland von Friso gegründet. Mit diesem legendären ersten friesischen Fürsten beginnt auch der Hauptteil von „Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus“ („Friesland oder Von den bedeutenden Männern und Ereignissen Frieslands“), einem zuerst 1609 erschienenen Werk von Martinus Hamconius. Der Verfasser, der eigentlich Marten Hamckema hieß, wurde um 1550 im Süden der Provinz Friesland geboren. Im Konflikt der reformierten niederländischen Provinzen mit dem katholischen Herrscherhaus der spanischen Habsburger, der 1568 in den Achtzigjährigen Krieg mündete, stand er als Katholik auf Seiten des Königs. Dreimal wurde er deshalb aus einem öffentlichen Amt gedrängt und musste seine Heimat verlassen. Viermal erlebte er eine Niederlage der Spanier nach einer Belagerung der Stadt, in der er Zuflucht gefunden hatte. Beim Fall von Stavoren konnte er sich nach eigener Darstellung nur schwimmend in Sicherheit bringen.
Als sich die Situation Anfang des 17. Jahrhunderts langsam etwas besserte, widmete Hamckema sich der Veröffentlichung seiner lateinischen Verswerke. Das bedeutendste davon ist die „Frisia“, eine Dichtung über die friesische Geschichte, einerseits historisches Werk, andererseits aber auch gelehrte, lateinische Barockdichtung. Das erste Buch besteht überwiegend aus Zehnzeilern zu einzelnen Orten, Regionen, Volksstämmen und Personen. Den größten Teil nehmen die „bedeutenden Männer“ ein, vor allem friesische Herrscher. Die Reihe beginnt mit dem legendären ersten Fürsten Friso und es folgen beispielsweise der sagenumwobene König Radbod, Kaiser Karl der Große, der ebenfalls legendäre erste friesische „Potestat“ Magnus Fortema und die Habsburger Kaiser Karl V. und König Philipp II. von Spanien.
Direkt an die habsburgischen Herrscher der Gegenwart schließen sich die sechs ostfriesischen Grafen von Ulrich I. bis zum regierenden Enno III. an. Es folgt dann noch eine Reihe von Statthaltern, heiligen Missionaren und Patronen Frieslands, aber auch angeblich mit den Friesen verwandten Volksstämmen. Das erste Buch wirkt so fast wie eine Enzyklopädie in Versen. Das zweite Buch stellt dann auf fast vierzig Seiten die „berühmten Ereignisse“ wie in einem Heldenepos in hexametrischen Versen dar. Es folgen dann nochmals Personenlisten, diesmal in Prosa, u. a. von legendären heidnischen Hohepriestern und christlichen Bischöfen. Eine Reihe von Texten historischer Urkunden beschließt das insgesamt etwas uneinheitliche Werk.

1620 wurde eine korrigierte und erweiterte Neuauflage der „Frisia“ in Franeker in Friesland veröffentlicht. Vermutlich in diesem Jahr ist Marten Hamckema auch gestorben. Das legen zumindest die Widmungsgedichte befreundeter Verfasser nahe, die dem Druck vorangestellt sind. Die entscheidende Ergänzung stellen 53 Kupferstiche mit Porträts der Herrscher Frieslands dar, nicht nur von Friso bis zu den Habsburgern, sondern auch noch von den sechs ostfriesischen Grafen. Sie stammen vom Maler und Kupferstecher Pieter Feddes von Harlingen, der auch ein Bildnis Hamckemas im vorderen Teil des Drucks erstellt hat. Unter diesem Porträt befindet sich eine Widmung von Pierius Winsemius (Pier van Winsem), der auch das erste und umfangreichste Widmungsgedicht verfasst hat. Er hat die Neuauflage von 1620 möglicherweise herausgegeben.
Darauf weist auch ein interessantes Indiz hin. Die Ausgabe der „Frisia“ von 1620 ist in mehreren Varianten erschienen. Bei einer ist die Widmung Hamckemas an das katholische Habsburger-Herrscherpaar von 1609 enthalten. Eine andere hat aber stattdessen ein Vorwort von Pierius Winsemius, gerichtet an die (republikanischen und reformierten) Deputierten der Provinz Friesland. Auch die in schwarz und rot gedruckten Titelblätter beider Varianten sind nahezu identisch, nur dass das friesische Wappen in einem Fall rot, im anderen Fall schwarz gedruckt ist. Offenbar war diese Neuausgabe für zwei verschiedene Zielgruppen vorgesehen. In der Landschaftsbibliothek in Aurich sind beide Varianten vorhanden – und dazu noch eine dritte, die beide Vorworte enthält. Eine letzte Ausgabe der „Frisia“ erschien 1623 in Amsterdam. Tatsächlich handelte es sich dabei aber nicht um eine echte neue Auflage, sondern um eine sogenannte Titelausgabe, bei der der Druck von 1620 ein neues Titelblatt bekam. Wahrscheinlich kaufte der Verleger aus Amsterdam die Restauflage auf und versah sie dann mit dem neuen Titelblatt. Auch diese Ausgabe ist in der Landschaftsbibliothek in Aurich vorhanden.


Nach 1623 ist bis auf einzelne Auszüge keines der Werke Hamckemas wieder aufgelegt worden. Das hat zum einen sicher seinen Grund darin, dass es sich um stark zeitgebundene Werke handelt, die aus der Sicht eines Vertreters der unterlegenen Seite im Achtzigjährigen Krieg geschildert sind. Die „Frisia“ hat zwar einen weiteren Horizont bis in die Frühzeit der Friesen, vermischt aber Geschichtliches stark mit Legendärem, was in späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht geschätzt wurde. Außerdem handelt es sich auch um gelehrte lateinische Dichtung meist nach einem festen Versschema. Die Zukunft der Literatur gehörte aber den Volkssprachen und der Prosa.
Bleibende Bedeutung vor allem für Ostfriesland haben aber die Porträts der Grafen, die in der Ausgabe der „Frisia“ von 1620/23 erschienen sind. Allerdings stammen diese von Pieter Feddes von Harlingen, und es ist nicht einmal sicher, ob sie auf Veranlassung Hamckemas hinzugefügt worden sind. Zwar handelt es sich bei Ulrich I., seinen Söhnen Enno I. und Edzard I. sowie dessen Sohn Enno II. um Fantasie- bzw. Idealporträts, aber die Stiche der ersten beiden Grafen stellen deren erste Bildnisse überhaupt dar. Die Porträts Edzards II. und Ennos III. zeigen hingegen mehr oder minder deutliche Ähnlichkeit mit Gemälden und Bildnismünzen der beiden Herrscher.
Das Idealporträt Ulrichs I. in Rüstung ist zum Vorbild sämtlicher Porträts des Grafen der nächsten Jahrhunderte geworden. Genauso, mit Schnäuzer, in Rüstung mit wallendem Federschmuck auf dem Helm und geschultertem Schwert wird er sowohl in den Porträtserien der ostfriesischen Regenten im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft und im Auricher Schloss als auch in den Gemälden August von Halems und anderer aus dem 19. Jahrhundert dargestellt. Sogar der Blick nach links aus dem Gemälde heraus wird stets nachgeahmt, und so ist das Bild des ersten ostfriesischen Grafen zugleich eine bleibende Erinnerung an die „Frisia“ Marten Hamckemas.
Hanke Immega

























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