• Recha Freier: Auf der Treppe - Umschlag

Buch des Monats März 2026

Freier: Auf der Treppe

Recha Freier, Auf der Treppe, Hamburg 1976

– Eine gebürtige Ostfriesin rettet tausenden jüdischen Jugendlichen das Leben –

Geburtshaus Recha Freiers, Synagogenweg 3, Norden
Geburtshaus Recha Freiers, Synagogenweg 3, Norden (Foto: Wiebke Paschant)

Recha Freier (geb. Schweitzer) ist eine der bekanntesten Frauen aus Ostfriesland. Ihre von Willen und Ehrgeiz geprägte Tatkraft rettete in der Zeit des Nationalsozialismus tausenden jüdischen Kindern und Jugendlichen das Leben und bot ihnen die Chance auf eine neue Zukunft im damaligen Palästina. Die von Recha Freier gegründete Jugend-Alijah gilt noch heute als eines der größten jüdischen Kinderhilfswerke.

Die gebürtige Ostfriesin wurde am 29. Oktober 1892 in Norden geboren. Sie war das Kind von Menasse Schweitzer, einem streng orthodoxen Kantor und Lehrer, und Bertha Schweitzer geb. Levy, einer Französisch- und Englischlehrerin. Neben ihren zwei Brüdern, Willi und Arthur, hatte sie außerdem eine Schwester namens Eddie. Als Recha als Vierjährige mit der Familie vor einem verschlossenen Tor am Blücherplatz in Norden stand – davor ein Schild mit der Aufschrift „Eintritt für Hunde und Juden verboten“ – war dies ein ausschlaggebender Moment für sie. Recha Freier selbst verarbeitete dieses prägende Kindheitserlebnis literarisch in dem Gedichtband „Auf der Treppe“, der hier als „Buch des Monats“ vorgestellt wird.

Bereits 1897 zog die Familie Schweitzer nach Glogau in Niederschlesien, wo sie weiterhin unter Diskriminierung litten. Nach dem Abitur in Breslau arbeitete sie zunächst in Ungarn als Lehrerin und begann danach ein Studium der Volkskunde und Pädagogik in Breslau, wo sie auch ihren späteren Mann Dr. Moritz Freier kennenlernte. Die beiden heirateten 1919 und bekamen insgesamt vier Kinder. Das Paar zog 1922 nach Sofia, wo Recha Freier als Lehrerin tätig war und die zionistische Mädchengruppe Jung-Wizo gründete. Nach dem Umzug nach Berlin in 1925 war Freier als Autorin und Märchenforscherin tätig.

Maßgeblicher Anstoß zur Gründung der Jugend-Alijah war für Recha Freier eine Begegnung mit fünf jüdischen Jugendlichen in Berlin. Diese kamen im Jahr 1932 zunächst auf ihren Ehemann zu und fragten nach Hilfe bei der Arbeitssuche, da sie wegen ihrer jüdischen Herkunft ihre Arbeit verloren hatten. Recha Freier nahm sich ihrer an und bat beim Arbeitsamt der jüdischen Gemeinde um Hilfe, jedoch vergebens. Daraus erwuchs der Gedanke, die Jugendlichen nach Palästina zu schicken, auszubilden und ihnen dort eine Zukunft zu bieten. Im Oktober 1932 fuhr dann der erste Zug Richtung Palästina von Berlin ab.

Porträtfotografie Recha Freier
Recha Freier (Quelle: Jüdischer Nationalfonds | Wikimedia – gemeinfrei)

Somit war der Grundstein für die Jugend-Alijah gelegt. 1933 folgte dann die Gründung des Vereins „Jüdische Jugendhilfe e. V.“, welcher die Organisation der Jugend-Alijah übernahm. Freier war bis 1940 Vorsitzende des Vereins. Sie sammelte Spenden, knüpfte Kontakte, beschaffte Papiere und versuchte die Menschen von der Jugend-Alijah zu überzeugen. Zu Beginn erfuhr Freier noch viel Gegenwind aus eigenen Reihen, besonders Eltern wollten ihre Kinder nicht alleine nach Palästina gehen lassen. Die Zustimmung wuchs jedoch desto stärker, umso erbarmungsloser die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten wurde.

1940 wurde Recha Freier von all ihren Ämtern suspendiert, da sie bei dem Versuch, jüdisch-polnischen Inhaftierten mit illegalen Mitteln die Ausreise zu ermöglichen, aufgeflogen war. Ihre Hilfsarbeit setzte sie jedoch trotzdem weiter fort, immer mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen eine neue Zukunftsperspektive zu bieten.

Im Juli 1940 musste Recha Freier dann, zusammen mit ihrer Tochter Maayan, selber aus Deutschland fliehen. Ihre Flucht führte die beiden über die Türkei, Syrien und den Libanon. Im Juni 1941 erreichten sie dann ihr Ziel Jerusalem. Dort lebte Freier bis zu ihrem Tod im April 1984.

Die Jugend-Alijah hilft bis heute Kindern und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen durch Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Israel.

Das vorliegende Werk „Auf der Treppe“ erschien im Jahr 1976 und ist einer von zwei veröffentlichten Gedichtbänden Recha Freiers. Besonders hervorzuheben ist hier das Gedicht „Erdbeben“, welches ihr einprägsames Erlebnis am Blücherplatz in Norden literarisch verarbeitet. Was äußerlich betrachtet eine alltägliche Szene vor einem verschlossenen Tor gewesen sein mag, wurde für das vierjährige Mädchen zu einem Beben, das die Grundfesten ihrer Welt erschütterte. In kurzen, fragmentarischen Zeilen – beinahe wie Momentaufnahmen eines kindlichen Blicks – tastet sich das Gedicht vom goldglänzenden Gitter des Stadtgartens über das ratlos machende „Geschlossen. ??“ bis hin zur Aufschrift „Eintritt für Hunde und Juden verboten“ des Schildes vor. Die Doppelfragezeichen verdichten das Unverständnis des Kindes, das die Schönheit des Ortes mit seiner Ausgrenzung nicht in Einklang bringen kann. So verdichtet Freier in wenigen Zeilen jenen Moment, den ihre Tochter Maayan Landau als Grundstein der zionistischen Haltung ihrer Mutter bezeichnete.

Im gesamten Band ist vor allem Recha Freiers Gebrauch von Metaphern beeindruckend. Oft gelingt es ihr, ein bestimmtes Gefühl zu erzeugen, noch bevor man inhaltlich erfasst hat, wovon der Text eigentlich handelt.

Wiebke Paschant

Gedenkplakette am Recha-Freier-Platz in Norden
Gedenkplakette am Recha-Freier-Platz in Norden (Foto: Wiebke Paschant)

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