Die „Neue Leuchtende See-Fackel“ hält Einzug in die Auricher Landschaftsbibliothek
– Ein unbekanntes Exemplar von Claas Janszoon Vooghts „Lootsmans Wegwyzer“ und sein Verfasser als Kartograf, Astronom und Mathematiker –

Im Winter 2025 erhielt die Auricher Landschaftsbibliothek ein seltenes, kurz nach 1770 erschienenes und bisher weltweit nicht nachgewiesenes Exemplar eines Lotsenbuches mit Seekarten aus der Feder des Amsterdamer Astronomen, Mathematikers, Vermessungsingenieurs und Kartografen Claas Janszoon Vooght (1628-1696). Diese Erwerbung bietet Gelegenheit, sich erstmals im deutschsprachigen Raum intensiver mit Vooght und seinem Schaffen zu widmen.
Claas Janszoon Vooght wurde ausweislich seiner Heiratsurkunde 1628 in Wöhrden in Dithmarschen geboren und kam wohl als Seemann nach Amsterdam, wo er am 8. April 1656 die bereits verwitwete und ebenso aus Wöhrden stammende Else Jans ehelichte. Am 3. April 1662 wurde er vom Rat von Holland als Vermessungsingenieur zugelassen und war ab etwa 1675 als Navigationslehrer in Amsterdam tätig. Vooght steht exemplarisch für die niederländische mathematische Kultur des Goldenen Zeitalters, die theoretisches Wissen mit praktischer Anwendbarkeit für Seefahrt, Navigation und Landvermessung verband. Seine Werke richteten sich bewusst an ein breiteres, nicht primär akademisches Publikum und erschienen charakteristischerweise auf Niederländisch, nicht auf Latein. Als Autor und Lehrer verkörpert Vooght den Typus des frühneuzeitlichen gelehrten Praktikers, dessen Wissenschaft eng mit den ökonomischen und politischen Interessen der Niederländischen Republik als führender See- und Handelsmacht verbunden war.
Zwei Werke aus Vooghts Feder bilden die Grundlage für das in der Landschaftsbibliothek nun vorhandene Lotsenbuch. Das erste ist „De Zeemans Wegh-Wyser“, das erstmals 1684 in Kooperation mit O. F. de Groot erschien und dann unter alleiniger Verantwortung von Vooght in mehreren Auflagen zwischen 1694/95 und 1706 herauskam. Dieses Werk steht für die Mathematisierung der Navigation und macht schon im Untertitel klar, an wen es sich richtete: „Waar in klaar en volkomen beschreven wort al’t geene tot’t Onderwijs des Stuurmans Konst noodig en nut is“ – worin klar und vollkommen beschrieben wird all jenes, was zum Unterricht der Steuermannskunst nötig und nützlich ist.
Das zweite wichtige Werk ist die „Nieuwe Groote Ligtende Zee-Fakkel“, die in der Geschichte der niederländischen Lotsenbücher und Seekartenatlanten eine herausragende Stellung einnimmt. Es markiert den Höhepunkt einer Entwicklung, die Amsterdam seit dem späten 16. Jahrhundert zum unbestrittenen Zentrum der europäischen Seekartographie hatte aufsteigen lassen. Der Höhepunkt der Amsterdamer maritimen Kartographie liegt in der Zusammenarbeit von Johannes van Keulen und Claas Janszoon Vooght begründet. Vooght ist als alleiniger Autor der Texte der Bände 1 bis 5 anzusehen und lieferte für die Erstauflagen insgesamt 42 Karten, was einem Anteil von knapp dreißig Prozent entspricht. Besonders bemerkenswert ist sein dominierender Beitrag zu Band 4 mit fast drei Vierteln aller Karten, der die westindische Küste und den amerikanischen Seeweg dokumentiert.
Der „Lootsmans Wegwyzer“ stellt eine Synthese aus den beiden genannten Vorgängerwerken dar und entstand wohl vor allem aus geschäftlichen Gründen zu Zeiten des Niedergangs der Firma van Keulen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also zu einem Zeitpunkt als Vooght längst verstorben war. Nachweisen lässt sich zunächst eine Ausgabe von 1717 aus der französischen Nationalbibliothek, die in Amsterdam bei Gerard van Keulen erschien, der maßgeblich von Vooght ausgebildet worden war und 1704 das väterliche Geschäft übernommen hatte. Diese Ausgabe enthält sieben Karten, die alle von Vooght stammen, darunter eine Karte der Zuiderzee, der friesischen Küste und der nordfriesischen Küste rund um die Eider. Nachgewiesen ist weiterhin eine Ausgabe von 1770, die bei van Keulen und Söhnen in Amsterdam erschien.
Das Auricher Exemplar ist weltweit nicht nachgewiesen. Es gelangte zunächst über den aus Strücklingen stammenden Harm Hinrich Ahlers an die Familie Heermann aus Spahn im Emsland und schließlich über deren Nachfahren als Spende an die Landschaftsbibliothek. Das Buch ist augenscheinlich in sehr gutem Zustand, wurde aber in den 1950er oder 1960er Jahren restauratorisch behandelt und neu eingebunden. Da die Titelseite der 1770er Ausgabe als Verfasser „Caas“ Vooght nennt, während das Auricher Exemplar den korrekten Namen führt, ist zu vermuten, dass dieses kurz nach 1770 erschienen ist.
Das Auricher Exemplar bricht nach 118 von 120 Seiten ab und ist damit im letzten Teil unvollständig, scheint aber der Ausgabe von 1770 zu entsprechen. Die sieben Karten der vermutlichen Erstausgabe von 1717 sind alle vorhanden, ebenso die Tafeln mit den Seezeichen; die Kupferstiche fehlen jedoch wie auch in der 1770er Ausgabe. Das Werk gliedert sich in acht Teile und führt den Leser systematisch entlang der nordwesteuropäischen Küsten: von der Zuider Zee über die deutsche Nordseeküste mit Ems, Jade, Weser und Elbe bis zur Westküste Jütlands und der norwegischen Küste, dann zurück zu Texel und der holländischen Küste, weiter nach Flandern bis Calais und schließlich zur Ostküste Englands und Schottlands. Jeder Teil enthält detaillierte Segelanweisungen sowie Küsten- und Inselansichten aus der Perspektive der Seefahrer. Da schriftliche Segelanweisungen Informationen enthielten, die auf Karten kaum darstellbar waren – Beschreibungen von Küstenverläufen, Häfen, Untiefen, Gezeiten und Landmarken -, konnte die Seekarte das Handbuch nie vollständig ersetzen, sondern blieb ihm stets ergänzend zugeordnet.
Nach einer letzten längeren Seereise zwischen Mai 1686 und Februar 1687 nach Batavia (heute Jakarta/Indonesien) verstarb Vooght dort am 20. Dezember 1687. Mit seinem „Lootsmans Wegwyzer“ bewahrt die Landschaftsbibliothek somit auch einen Teil des Vermächtnisses eines Mannes, dessen maßgeblicher Einfluss auf den Gebieten der Nautik, Astronomie und des seemännischen Instrumentenbaus die niederländische Seefahrt des Goldenen Zeitalters entscheidend prägte und dessen Werke noch Jahrzehnte nach seinem Tod als unverzichtbare Grundlage für die Navigation in europäischen Gewässern galten.
Heiko Suhr


















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