• Niels Schröder: Widerstand : Tony Sender, Julius Leber, Theodor Haubach - Umschlag sowie weitere Graphic Novels

Buch des Monats April 2025

Schröder: Widerstand

Widerstand: Tony Sender, Julius Leber, Theodor Haubach

– Im Kampf für Freiheit und gegen Diktatur. Niels Schröder, Berlin 2024 –


Graphic Novels sind generell Comics im Buchformat, die zumeist ernstere Themen sowie Geschichten mit größerer Komplexität behandeln und daher häufig an erwachsene Zielgruppen gerichtet sind. Wichtig zu bemerken ist, dass es keine feste Definition des Begriffs gibt. Ein Beispiel für diese erst seit den 1980er Jahren populär werdende Gattung ist das hier vorgestellte Buch von Niels Schröder, der drei Widerständler gegen den Nationalsozialismus empathisch porträtiert.

Der 1970 geborene Autor und Illustrator studierte Visuelle Kommunikation und Grafikdesign in Hamburg, Bremen und Berlin. Seit 1996 ist er freiberuflicher Illustrator für Zeitungen, Verlage, Unternehmen u.a. In den Jahren 2004/2005 hatte er eine Vertretungsprofessur an der Hochschule für Kunst und Design auf Burg Giebichenstein in Halle (Saale) inne.

Porträtfotografie Tony Sender
Tony Sender (Quelle: Reichstags-Handbuch 1920 | Wikimedia – gemeinfrei)

Eine der drei porträtierten Personen ist Tony Sender, bürgerlich Sidonie Zippora Sender, geboren am 29. November 1888 in Biebrich in einem streng religiösen jüdischen Elternhaus. Für ihre Eltern überraschend kam ihr Wunsch, einen Beruf zu erlernen. Um dieses Ziel zu erreichen, verließ sie, nachdem sie die höhere Töchterschule abgeschlossen hatte, mit 13 Jahren ihre Familie, um in Frankfurt am Main die private Handelsschule für Mädchen zu besuchen. Nach Abschluss ihrer Ausbildung – zu dieser Zeit war eine Erwerbstätigkeit von Frauen im Bürgertum nicht üblich – wurde sie kaufmännische Angestellte. Sie trat 1910 der Büroangestelltengewerkschaft und der SPD bei. Zum Studium der Nationalökonomie verweigerte ihr Vater die Zustimmung. Sie lebte einige Jahre in Paris und engagierte sich bei den französischen Sozialisten. Aufgrund des ausbrechenden Ersten Weltkriegs kehrte sie nach Frankfurt zurück. Hier war sie 1917 Mitbegründerin der USPD und gelangte für den Wahlkreis Hessen-Nassau in den Reichstag. Von 1924 bis 1933 war sie SPD-Reichstagsabgeordnete. Sender war Redakteurin der Betriebsräte-Zeitschrift des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes bis 1933 und schrieb für diese fast 420 Beiträge. 1928 übertrug man ihr zudem die Redaktion der „Frauenwelt“, einer Illustrierten der SPD. Im März 1933 floh sie ins tschechoslowakische Exil und arbeitete dort eng mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold zusammen. Ihre Geschichte – 1935 in die USA geflohen und von dort aus gegen den Nationalsozialismus aktiv – erzählt Niels Schröders Graphic Novel.

Porträtfotografie Julius Leber
Julius Leber (Quelle: Reichstags-Handbuch 1930 | Wikimedia – gemeinfrei)

Der zweite im Bunde ist Julius Leber. Er wurde am 16. November 1891 in Biesheim als uneheliches Kind in bescheidenen Verhältnissen geboren. 1912 und damit noch als Schüler trat er der SPD bei. Im selben Jahr vollendete er das Abitur und studierte daraufhin Nationalökonomie und Geschichte in Straßburg und Freiburg. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Während des Krieges wurde er zweimal verwundet; er erhielt das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse. Nach dem Krieg setzte er seine militärische Laufbahn bei der Reichswehr fort. Während des Kapp-Putschs im März 1920 stellte er sich mit seiner Einheit auf die Seite der Republik, woraufhin er unter Protest entlassen wurde. Anschließend studierte er weiter und promovierte 1920 an der Universität Freiburg. Seit 1921 war er Chefredakteur des sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ und von 1921 bis 1933 Mitglied der Lübecker Bürgerschaft. Von 1924 bis 1933 war er Reichstagsabgeordneter der SPD und befasste sich vor allem mit der Wehrpolitik. Während dieser Zeit wurde er Teil des Reformflügels seiner Partei. Er war Gründungsmitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (gegr. 1924) und Mitglied des reformorientierten Freimaurerbundes „Zur aufgehenden Sonne“. Auch seine Geschichte von 1933 bis zu seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten im Januar 1945 erzählt die Graphic Novel.

Zuletzt ist da noch Theodor Haubach, geboren am 15. September 1896 in Frankfurt am Main. Er wuchs nach dem Tod seines Vaters, eines Kaffeegroßhändlers, als Halbwaise bei seiner aus einer jüdischen Familie stammenden Mutter in Darmstadt auf. Hier verbrachte er auch seine Kindheit und Jugend und legte 1914 am Ludwig-Georgs-Gymnasium das Notabitur ab. Daraufhin meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst und war bis 1918 aktiv. Während des Kriegs wurde er achtmal verwundet. Nach dem Krieg publizierte er fiktionale Texte und politische Betrachtungen, welche in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden. In Darmstadt engagierte er sich in der Kulturpolitik und war an der Gründung der Darmstädter Sezession beteiligt. In Heidelberg, München und Frankfurt am Main studierte er von 1919 bis 1923 Philologie, Philosophie, Sozialwissenschaften und Nationalökonomie und schloss sein Studium mit einer Promotion ab. Seit 1920 war er Mitglied der SPD. Er war Redakteur beim „Hamburger Echo“ und später Pressereferent im Reichsministerium des Innern und Pressechef des Berliner Polizeipräsidenten. Von 1924 an war Haubach ein führendes Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Auch seine Geschichte von 1933 bis zu seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten im Januar 1945 erzählt die Graphic Novel.

Niels Schröders Graphic Novel aus dem Jahr 2024 porträtiert drei mutige SPD-Politiker – Tony Sender, Julius Leber und Theodor Haubach -, die auf unterschiedlichen Wegen Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten. Alle drei teilten nicht nur die Mitgliedschaft in der SPD und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – einer überparteilichen Schutzorganisation zur Verteidigung der Weimarer Republik gegen ihre extremistischen Gegner -, sondern auch ein starkes Engagement für demokratische Werte in Zeiten größter Bedrohung. Das Format der Graphic Novel erweist sich als besonders geeignet für diese Darstellung, da es durch die Kombination von Bild und Text sowohl die komplexen Lebensgeschichten der Protagonisten als auch die historischen Umstände anschaulich vermitteln kann und emotionale Zugänge zu diesen mutigen Persönlichkeiten eröffnet, die mit rein textlicher Darstellung schwerer zu erreichen wären.

Lea Ahlfs

Weitere Beiträge zum Buch des Monats