Wie kommt der Text ins Buch?
– Der Apuleius-Kommentar des Filippo Beroaldo, Bologna 1500 –

… und vor allem: Wie verhält sich Text zu Kommentar? Im Zeitalter des computergestützten Layouts wird diesen Fragen meist zu wenig Bedeutung beigemessen. In der Pionierzeit des Buchdrucks war das anders. Alles sollte bestmöglich geplant und wohlbemessen sein. Nur das geschulte Auge eines erfahrenen Buchdruckers vermochte dies.
Die damalige Buchdrucktechnik lässt sich am Beispiel eines der ältesten und kostbarsten Frühdrucke der Landschaftsbibliothek ablesen. Es handelt sich bei dieser Inkunabel um den Kommentar des italienischen Humanisten Filippo Beroaldo des Älteren (1453-1505) zum lateinischen Werk „Metamorphosen“ des Apuleius (2. Jh. n. Chr). Der Titel lautet auch „Der Goldene Esel“. Der „Kommentierungsbedarf“ bei Apuleius war in der Tat hoch: Der römische Schriftsteller hat mit den „Metamorphosen“ zwar oberflächlich einen heiteren Roman geschrieben; allerdings erschließt sich dessen tiefere, philosophische Bedeutung erst bei genauerer Lektüre. Deshalb schrieb Beroaldo einen Kommentar. Seine erste Auflage aus dem Jahre 1500 ist vergleichsweise selten und innerhalb Deutschlands neben der Landschaftsbibliothek in nur vier weiteren Exemplaren vorhanden. Gedruckt wurde sie bei Benedetto Faelli in Bologna.

Wie wichtig es war, einen Kommentar zu Apuleius zu verfassen wird vor allem durch das Verhältnis von Text zu Kommentar deutlich: Auf etwa 4 bis 6 Zeilen Apuleius kommen meist um die 50 Zeilen Beroaldo. Der Apuleius-Text ist in rechteckiger Form am Innenrand der Seite angeordnet und wird von drei Seiten klammerartig umschlossen. Eine Doppelseite bildet somit ein symmetrisch-ausgewogenes Schriftbild.
Der Apuleius-Kommentar verfügt zudem über sogenannte Marginalglossen, also „Randbemerkungen“. Wie zu allen Zeiten nahmen auch vor Erfindung des Buchdrucks die Menschen Notizen in Büchern vor. Mit der Zeit wurden solche Notizen bei der Konzeption einer Handschrift von vornherein eingeplant, da man erkannte, dass sie die Lesbarkeit erleichterten. Sie dienten sozusagen als Zwischenüberschriften. Auch der Buchdruck übernahm diese Technik, die sich mitunter auch in modernen Büchern findet.
Und dies ist überhaupt die größte Herausforderung für die Gestaltung durch den Drucker: Wie müssen Text und Kommentar verteilt werden, dass der Kommentar nicht „überhängt“, also nicht bereits auf der nächsten Seite steht? Hier ist Augenmaß gefragt. Doch bei unserem Druck passen in aller Regel Text und Kommentar sehr gut zusammen.
Da wie gesagt das Verhältnis zwischen Text und Kommentar weitgehend gleich bleibt, muss der Buchdrucker viel Planungsarbeit betrieben haben. Solches geht nur mit einer handschriftlichen Vorlage. Dies mag für einen modernen Leser merkwürdig klingen, aber bis weit in die Neuzeit hinein war – gerade bei komplizierteren mehrspaltigen oder reich bebilderten Drucken – eine handschriftliche Vorlage die Regel.
Durch die gleichbleibende Form hat sich der Buchdrucker Benedetto Faelli bewusst für eine schwierige Art des Satzes entschieden. Zur damaligen Zeit waren auch andere Typen der Verteilung von Text und Kommentar üblich: Ihr Schriftbild war uneinheitlich, die Kommentierungen unterbrachen den Haupttext in willkürlicher Folge. Das erleichtert den Druck, aber erschwert die Lesbarkeit – und sieht auch nicht so hübsch aus.
Auf einen Umstand sei noch hingewiesen: Der Apuleius-Kommentar der Landschaftsbibliothek verfügt über keinerlei Verzierungen. Das lässt sich darauf zurückführen, dass der Herstellungsprozess eines Buches in der Anfangszeit des Buchdrucks zweigeteilt war. Die frühe Drucktechnik konnte nicht mit der damaligen Buchmalkunst mithalten, sodass auch gedruckte Bücher weiterhin von Hand verziert wurden. Der Buchdrucker – und das sieht man am vorliegenden Exemplar – ließ an den passenden Stellen Platz und druckte bei den Initialen lediglich einen Kleinbuchstaben vor. Dieser wurde dann vom Buchmaler übermalt.
Der Auricher Apuleius-Kommentar weist auf der Titelseite den Besitzervermerk „Petrus Medmannus Coloniensis“ auf. Petrus Medmann (1507-1584) war zunächst Rat des Kölner Erzbischofs. Als Protestant gelangte er durch Vermittlung des Kölner Domherrn Christoph von Oldenburg nach Emden. Dort bekleidete er von 1553 an bis zu seinem Tode das Amt des Bürgermeisters und ließ in dieser Funktion auch den Grundstein für den Bau des Rathauses legen. Als nächster Besitzer des Apuleius-Kommentars lässt sich der preußische Regierungspräsident Christoph Friedrich von Derschau (1714-1799) nachweisen, mit dessen Bibliothek der Wiegendruck schließlich in die Obhut der Landschaftsbibliothek gelangte.
Wilko Lücht

![[Biblia latina] (Nürnberg : Anton Koberger, 1480) - Erste Textseite [Biblia latina] (gedruckt in Nürnberg durch Anton Koburger 1480) - Erste Textseite](https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/3/2024/05/budemo-2405-254x254.jpg)