• Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben - geöffneter Umschlag mit erster erhaltener Seite

Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben (zwischen 1440 und 1520)

“ … dat ons god vele naerre is dan wij ons selven siin.“

– Eine spätmittelalterliche Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben –

Als Ostfrieslands älteste Bibliotheken dürfen die Johannes a Lasco Bibliothek in Emden und die Landschaftsbibliothek in Aurich gelten. Die Ursprünge beider Bibliotheken liegen jedoch erst im 16. Jahrhundert. Aber auch schon vor der Reformation hat es in diesem Raum bedeutende Bibliotheken gegeben, denn Ostfriesland ist reich an Klöstern gewesen, von denen zumindest die größeren nennenswerte Buchbestände gehabt haben müssen. Von diesen sind jedoch allenfalls einzelne Dokumente überliefert, sodass ein Blick in die Buch- und damit auch Gedankenwelt des Mittelalters fast nur außerhalb Ostfrieslands möglich ist.

Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben - Textbeginn "Speculum sancti Bernardi abbatis"
Textbeginn „Speculum sancti Bernardi abbatis“

Im Bestand der Landschaftsbibliothek findet sich aber ein gut 12 cm hohes Bändchen, das einen kleinen Blick ins Spätmittelalter erlaubt. Nimmt man es zur Hand, glaubt man zunächst einen Band des 16. Jahrhunderts vor sich zu haben. Im Innern offenbart sich dann aber statt eines neuzeitlichen Drucks auf Papier eine mittelalterliche Buchhandschrift auf Pergamentseiten. Die Texte sind in einer sorgsamen und deutlich leserlichen Minuskel geschrieben, in roter Tinte sind Überschriften, Initialen und Verzierungen eingefügt. Am Anfang und nach der fünften erhaltenen Lage fehlen Textteile, aber insgesamt enthält das Bändchen noch 16 Lagen zu 8 Blättern. Durch die Verluste setzt das Buch mitten in einem lateinischen Text ein. Er ist aber schnell zu identifizieren: Es handelt sich um „De imitatione Christi“ („Von der Nachfolge Christi“), das Thomas von Kempen zugeschrieben wird und um 1440 verfasst wurde. Dieses Werk ist eines der beliebtesten geistlichen Bücher des Spätmittelalters. Es fordert die Gläubigen auf, ihr Leben nach dem Vorbild Christi auszurichten – ein Zeichen für eine neue Form der Frömmigkeit, die dann später die Reformation befördern sollte.

Auf dieses Werk folgen noch neun weitere größere und kleinere lateinische Schriften, zunächst von Autoren, die in der neuen Frömmigkeitsbewegung des späten Mittelalters im Nordwesten des Römisch-Deutschen Reichs, der „Devotio moderna“, beliebt waren (wie Augustinus und Bernhard von Clairvaux) oder ihr sogar direkt zuzuordnen sind wie Geert Groote. Da außerdem die sogenannte Benediktsregel für das Klosterleben und die Erläuterungen Hildegards von Bingen dazu enthalten sind, kann man davon ausgehen, dass diese Sammelhandschrift Mönchen oder Nonnen als geistliches Handbüchlein diente.

Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben - Umschlaginnenseite mit Pergamentmakulatur
Umschlaginnenseite mit Pergamentmakulatur

Erst aus einer Zeit über hundert Jahre nach der Abfassung der Handschrift stammt allerdings der Einband (oder besser gesagt Umschlag). Da er genau zum überlieferten Teil des Manuskripts passt, hatte das Buch mittlerweile wohl schon einen Teil seines Umfangs eingebüßt. Trotzdem muss jemandem das Bändchen noch für so wertvoll gehalten haben, dass er es neu binden ließ. Dabei wurden die erhaltenen Blätter des Bändchens nicht neu zu einem Buch gebunden, sondern in einen flexiblen dunkelbraunen Lederumschlag mit sogenannter Überschlagsklappe geheftet, sodass das Originalmanuskript möglichst wenig bearbeitet werden musste. Das Leder ist aufwändig mit Arabesken und floralen Motiven nach dem Geschmack der Renaissance verziert und die Überschlagsklappe wurde mit einer sorgfältig gearbeiteten Messingschließe versehen, um den Inhalt bestmöglich zu schützen. Für die Verwendung als Umschlag musste das Leder auf ein flexibles Bezugsmaterial angebracht werden, wofür vom Buchbinder stilgerecht mittelalterliches Pergament verwandt wurde.

Pergamentmakulatur aus nicht mehr verwendeten mittelalterlichen liturgischen Büchern wie Mess- oder Choralbüchern war für die Neuverwendung als Einbandmaterial durchaus beliebt, da diese sorgfältig gestaltet, in der Regel verziert und damit optisch sehr ansprechend waren. Der Buchbinder hat das hier zweitverwendete Blatt eindeutig nach ästhetischen Gesichtspunkten gewählt und eingesetzt: Die gotische Gitterschrift des Spätmittelalters, die mit roter Tinte verzierten Initialen und die ebenfalls rot hervorgehobenen Überschriften entfalten auch in Querlage ihre malerische Wirkung; der nicht beschriebene Steg zwischen den beiden Spalten des Originalblatts verläuft mittig quer durch das Buch. Der Text der Pergamentmakulatur lässt sich daher auch gut entziffern. Zu erkennen sind das „Magnificat“, der Lobgesang der Maria aus dem Lukasevangelium, und der Apostelhymnus „Exultet coelum laudibus“; das Blatt stammt also offensichtlich aus einer Handschrift mit Gesängen für den Gottesdienst. An der textfreien Vorderkante hat dann wohl der neue Eigentümer deutlich seine Initialen angebracht: In schwarzer Tinte prangen in Leserichtung des neu entstandenen Umschlags ein großes I und ein S, das sich um einen großen Nagel windet, vielleicht zugleich eine Art Signet des Besitzers.

Woher aber stammt dieses Bändchen? Darauf geben die letzten zwei Blätter des Buchs einen Hinweis. Sie wurden nachträglich an die letzte Lage gehängt, jede der vier Seiten zeigt eine andere Handschrift. Offensichtlich haben Besitzerinnen oder Besitzern des Buchs kurze Texte angehängt, die Ihnen besonders wichtig waren. Auf der Rückseite des letzten Blattes mahnt ein schlichter Bibelvers an das Jüngste Gericht (Matthäus 15, 13). Die anderen Texte sind länger. Der erste findet sich auch in einer Handschrift in Wolfenbüttel; er spricht von der Seligkeit der vom Leib losgelösten Seele. Der dritte Text listet die geistlichen Vorteile des mönchischen Lebens in Gegenüberstellungen auf und schließt mit vier religiösen Lebensdevisen – graphisch ansprechend in großer gotischer Gitterschrift über die ganze Seite. Auf der verbleibenden Seite schließlich findet sich der einzige Text, der nicht in lateinischer Sprache, sondern in einem deutschen, wahrscheinlich niederfränkischen Dialekt verfasst ist. In Form rhetorischer Fragen fordert sich der Gläubige selbst dazu auf, sich ganz der göttlichen Gnade und Liebe zu überlassen, weil „ons god vele naerre [?] is dan wij ons selven siin“ – ganz in der mystischen Tradition des Spätmittelalters. Durch die Verwendung der Volkssprache und die mystische Selbstbefragung wirkt dieser Text geradezu intim. Vor allem aber erlaubt die Sprache, das Büchlein endlich auch räumlich zuzuordnen. Wenn es schon nicht aus einem hiesigen Kloster stammt, so doch jedenfalls aus dem niederländisch-nordwestdeutschen Raum, dem auch Ostfriesland historisch-kulturell zugehört.

Hanke Immega

Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben - Seite mit volkssprachlichem Text
Seite mit volkssprachlichem Text
Sammelhandschrift mit Texten zum geistlichen Leben - geschlossener Umschlag
Geschlossener Umschlag

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